Am Abend des 25. Juli 2026 steuerte ein Täter im Berliner Tiergarten einen Kleinbus in Menschen, die sich am Rande des Christopher Street Day aufhielten, und griff anschließend Passanten mit einer Machete an. Er tötete eine polnische Mutter, Dutzende Menschen wurden verletzt, ein Teil von ihnen schwer. Der 21-jährige Täter war den Sicherheitsbehörden als Islamist bekannt und einschlägig vorbestraft; einen Tag nach der Tat wurde er bei einem Zugriff der Polizei erschossen. Die Ermittler gehen von einem islamistisch motivierten Terroranschlag aus.
Vier Tage später erschien in der Jüdischen Allgemeinen ein Meinungsbeitrag von Ali Ertan Toprak. Sein Thema ist der Reflex, der solchen Taten in Deutschland seit zwei Jahrzehnten verlässlich folgt: die Versicherung, oft aus dem Mund deutscher Politiker, mit dem Islam habe der Terror nichts zu tun.
Der Begriff als Streitgegenstand
Toprak beschreibt, wie in deutschen Debatten zeitweise schon der Begriff Islamismus für problematisch oder unzulässig erklärt und der Eindruck erweckt wurde, Kritiker islamistischer Ideologien hätten ihn überhaupt erst erfunden. Dem hält er die Empirie entgegen: In islamisch geprägten Ländern ist der Begriff seit Jahrzehnten gebräuchlich, in der Türkei bezeichneten sich islamistische Bewegungen bereits in den 1970er-Jahren selbst als Islamisten. Die Selbstbeschreibung der Akteure ist also älter als der hiesige Vorwurf, es handele sich um eine Fremdzuschreibung.
An die Stelle dieses Begriffs sei, so Toprak, ein anderes Vokabular getreten. Hierzulande seien zahlreiche NGOs finanziert worden, die Begriffe wie antimuslimischen Rassismus oder Islamophobie in den öffentlichen Diskurs eingeführt und geprägt hätten. Toprak bestreitet dabei ausdrücklich nicht, dass es Feindseligkeit und Diskriminierung gegenüber Muslimen gibt. Seine Frage ist eine andere: Warum reicht der Begriff Muslimfeindlichkeit nicht aus, um sie zu benennen und zu bekämpfen? Problematisch werde es dort, wo dieses Vokabular dazu diene, Islamismus und Islamisten pauschal gegen Kritik zu immunisieren. Sein Fazit: »Damit schützt man nicht Muslime, sondern Islamisten.«
Die ersten Opfer
Den islamischen Verbänden hält Toprak vor, nach Anschlägen häufig geschwiegen oder nur halbherzig verurteilt zu haben, fast immer verbunden mit der bekannten Formel. Dabei sei ihnen bekannt, dass sich die Täter ausdrücklich auf bestimmte theologische Auslegungen berufen und ihre Gewalt religiös zu legitimieren versuchen. Wenn Muslime zugleich ausschließlich als Opfer dargestellt, der dekadente Westen für nahezu alle Missstände verantwortlich gemacht und in Moscheen mit theologischen Argumenten gegen die Werte offener Gesellschaften mobilisiert werde, lasse sich schwerlich behaupten, all das habe mit dem Islam nichts zu tun.
Den Preis dafür zahlten ausgerechnet die Muslime selbst: Sie seien weltweit die ersten Opfer islamistischer Gewalt. Das Ausweichen vor der Benennung erschwere überdies Selbstkritik und eine innerislamische Aufklärung. Toprak fragt, wie lange Staat und Gesellschaft dieses Muster fortsetzen wollen, und beantwortet die Frage mit zwei Worten: Schluss damit.
Toprak folgert: Eine offene Auseinandersetzung mit problematischen theologischen Auslegungen greift den Islam nicht an. Sie ist die Voraussetzung dafür, den Islamismus wirksam zurückzudrängen und eine glaubwürdige innerislamische Aufklärung zu ermöglichen.
Eine Frage an progressive Kreise
Am schärfsten geht Toprak mit progressiven Milieus im Westen ins Gericht. Ist Religionskritik nicht eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung? Warum wird sie ausgerechnet dort preisgegeben, wo es um den Islamismus geht? Preisgegeben würden damit auch die progressiven, liberalen und säkularen Muslime, die auf diese Kritik angewiesen sind. Wer so verfahre, verbünde sich faktisch mit den Faschisten der islamischen Welt in der Überzeugung, damit die eigenen Faschisten im Westen zu bekämpfen. Toprak nennt das eine Farce, eine tödliche für die freie Welt. Über die Debatte um schärfere Gesetze hinaus steht damit eine Frage im Raum: ob dieselbe Gesellschaft, die Religionskritik als Errungenschaft führt, bereit ist, sie auch dann anzuwenden, wenn sie unbequem wird.
»Damit schützt man nicht Muslime, sondern Islamisten.« Ali Ertan Toprak (@toprak_aliE) in der Jüdischen Allgemeinen.
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) July 29, 2026
Man habe, schreibt Toprak, hierzulande zahlreiche NGOs finanziert, die Begriffe wie antimuslimischen Rassismus und Islamophobie im öffentlichen Diskurs geprägt…