Das Office of Foreign Assets Control (OFAC) des US-Finanzministeriums hat am 23. Juli 2026 auf Grundlage der Executive Order 13224, eines Präsidialerlasses aus dem Jahr 2001, einen hochrangigen Funktionär der Muslimbruderschaft sowie drei weitere Personen und drei Organisationen sanktioniert. Ihnen wird vorgeworfen, der Hamas materielle Unterstützung geleistet zu haben. Die Hamas ist laut ihrer Gründungscharta von 1988 ein Ableger der Muslimbruderschaft. In einer gemeinsamen Erklärung hielten Finanz- und Außenministerium fest, Muslimbruderschaft und Hamas hätten Organisationen betrieben, die Gelder zur Unterstützung des Terrorismus transferierten.
Zwei der sanktionierten Organisationen beschreibt das Ministerium als Scheinwohltätigkeitsorganisationen mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft, die erhebliche Mittel an den militärischen Flügel der Hamas geleitet hätten. US-Finanzminister Scott Bessent erklärte:
»Die Trump-Administration wird Terroristen und diejenigen, die sie finanzieren, unerbittlich verfolgen. Ob sie unter dem Deckmantel von Wohltätigkeitsorganisationen, Unternehmen oder Untergrund-Finanznetzwerken operieren: Wer die Hamas unterstützt, wird enttarnt, sanktioniert und zur Rechenschaft gezogen.« (Im Original: »The Trump Administration will relentlessly pursue terrorists and those who finance them. Whether operating under the guise of charities, businesses, or underground financial networks, those who enable Hamas will be exposed, sanctioned, and held accountable.«)
Das Ministerium beschreibt eine mehrschichtige Typologie, in der Ableger der Muslimbruderschaft und von der Hamas gesteuerte Frontorganisationen transnationale Spendensammelkanäle betreiben. Wohltätige Fassaden und Untergrund-Finanzierungsnetzwerke dienten dazu, Gelder über Ländergrenzen hinweg zu bewegen und zu verschleiern. An der Aufklärung der Finanzstrukturen waren nach Angaben des Ministeriums das FBI, die Drug Enforcement Administration und die Zollbehörde Customs and Border Protection beteiligt.1
Today, Treasury’s Office of Foreign Assets Control designated a senior Egyptian Muslim Brotherhood official, along with several targets that have provided material support to Hamas, an offshoot of the Muslim Brotherhood. Two of the designated entities are sham charities tied to…
— Treasury Department (@USTreasury) July 23, 2026
Wer ist Mahmoud al-Abyari?
Im Zentrum der Maßnahme steht Mahmoud al-Abyari. Das Finanzministerium beschreibt ihn als im Vereinigten Königreich ansässigen hochrangigen Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft, die OFAC im Januar 2026 als »Specially Designated Global Terrorist« eingestuft hatte. Er sei »Secretary General of the Muslim Brotherhood General Secretariat«, also Leiter des Generalsekretariats der Organisation, und blicke auf eine lange Geschichte hochrangiger Führungsfunktionen innerhalb der Muslimbruderschaft zurück. Die Foundation for Defense of Democracies ergänzt in ihrer Analyse der Sanktion, al-Abyari sei zudem Chefredakteur von Risalat al-Ikhwan (Deutsch: »Brief der Muslimbrüder«), der wöchentlichen Publikation der Organisation.2
Konkret wirft ihm das Ministerium vor, das Fundraising für bereits sanktionierte Einrichtungen wie Filistin Vakfi und Hayat Yolu unterstützt zu haben. Beide Organisationen hatte OFAC zuvor wegen ihrer Verbindungen zur Hamas gelistet. Zudem habe al-Abyari mit Gruppen der Muslimbruderschaft zusammengearbeitet, um die Hamas zu unterstützen und ihr finanzielle Hilfe zukommen zu lassen.
Al-Abyari stammt aus Ägypten und besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft; in der Londoner »The Times« und anderen Medien wird er aktuell als ägyptisch-österreichische Doppelstaatsbürger bezeichnet.3 Der zugehörige Eintrag in der US-Sanktionsliste der Specially Designated Nationals (SDN) führt ihn unter dem Namen »El-Abiary, Mahmoud« mit dem Alias »Al-Ibiary, Mahmoud«, geboren am 5. Juni 1952, Staatsangehörigkeit Österreich, wohnhaft im Vereinigten Königreich; als Identifikationsdokument ist ein österreichischer Reisepass verzeichnet.4 Die Sanktionen umfassen die Sperrung aller Vermögenswerte unter US-Jurisdiktion sowie ein Einreiseverbot in die Vereinigten Staaten. Bei den Vorwürfen handelt es sich um Feststellungen der US-Exekutive im Sanktionsverfahren. Al-Abyari weist die Vorwürfe zurück.5 Eine gerichtliche Überprüfung hat bislang nicht stattgefunden; Betroffene können bei OFAC die Streichung von der Liste beantragen.
Das sanktionierte Netzwerk
Neben al-Abyari benennt das Finanzministerium sechs weitere Sanktionsziele.
Die in Indonesien ansässige Organisation Tujah Bulah Global, die unter dem Alias Seven Spikes Global auftritt, sei von der Hamas gegründet worden, um Spenden zu sammeln und Einnahmen für ihren militärischen Flügel zu generieren. Dasselbe gelte für die in Gaza ansässige Madad Palestine Charitable Society. Deren Gelder seien vorgeblich für Zivilisten gesammelt, tatsächlich aber wissentlich von der Hamas für militärische Zwecke umgeleitet worden.
Das dritte sanktionierte Unternehmen ist der in der Türkei ansässige Finanzdienstleister El-Kahira for General Trading. Er habe Hunderttausende Dollar für die Hamas transferiert und Untergrund-Finanzdienstleistungen in Fiat- und Kryptowährungen erbracht, unter anderem für bekannte schwedische Gruppen der organisierten Kriminalität wie das Foxtrot Network. Sanktioniert wurden zudem der Eigentümer Khuldun Khamis Zakaria Alden sowie die Anteilseigner Zaid Issam Ahmed Al-Jebouri und Abdullah Issam Ahmad Al-Jebouri.
Einordnung in frühere Maßnahmen
Die Sanktionen bauen auf früheren OFAC-Maßnahmen gegen Hamas und Muslimbruderschaft (MB) auf, darunter Aktionen vom 21. Januar 2026 und vom 12. März 2026 gegen das globale Netzwerk von Finanzvermittlern, Aktivisten und Scheinwohltätigkeitsorganisationen der Hamas. Im Januar 2026 hatte das Ministerium die ägyptischen, jordanischen und libanesischen Zweige der Muslimbruderschaft als »Specially Designated Global Terrorists« eingestuft. Im Vereinigten Königreich, wo al-Abyari lebt, ist die Bewegung weder verboten noch als Terrororganisation gelistet. Bereits am 13. Dezember 2023 hatten die USA und das Vereinigte Königreich acht Hamas-Finanzfunktionäre sanktioniert, mehrere davon mit Sitz in der Türkei; im Mai 2022 hatte OFAC die Istanbuler Investmentfirma Trend GYO gelistet, deren Kapital zu rund 75 Prozent von Hamas-Elementen gehalten wurde. Eine fortlaufend aktualisierte Übersicht über die bekannten Finanzstrukturen der Hamas bietet der Threat Report des Counter Extremism Project (CEP).6
Der Extremismusforscher Lorenzo Vidino von der George Washington University (GWU) ordnet die Personalie in diese Linie ein. Ihm zufolge gehört die Sanktion zu den ersten US-Maßnahmen gegen prominente Muslimbruder-Funktionäre in Europa, seit Washington Anfang 2026 mehrere Zweige der Bewegung gelistet hat. Vidino sagt über al-Abyari: »Er gehört zum inneren Führungszirkel der ägyptischen Muslimbruderschaft in London, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Finanzen.«7
Der Österreich-Komplex: Was seit 2017 dokumentiert ist
Der Fall hat eine europaweite Vorgeschichte. Sie lässt sich anhand der Studie »The Muslim Brotherhood in Austria« aus dem Jahr 2017 nachvollziehen, erstellt von Lorenzo Vidino in Kooperation mit dem Institut für Orientalistik der Universität Wien und mit Unterstützung des Österreichischen Integrationsfonds sowie des damaligen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung.8
In dieser Studie wird ein prominentes Mitglied der ägyptischen Muslimbruderschaft unter der Schreibweise »Ahmed Mahmoud El Abiary« beschrieben: als »langjähriger Bewohner Wiens und österreichischer Staatsbürger«, der inzwischen in London lebe und dort zu den ranghöchsten Mitgliedern jenes Standorts zähle, der traditionell das Zentrum der ägyptischen Muslimbruderschaft außerhalb Ägyptens gewesen sei. Diese Rolle sei nach dem Sturz des ägyptischen Staatspräsidenten Mohammed Mursi noch wichtiger geworden.
Einen Tag nach der Sanktionierung im Juli 2026 machte Vidino in einer Publikation des GWU-Extremismusforschungsprogramms die Verbindung deutlich: Das US-Finanzministerium habe mit al-Abyari jenen Führungsmann designiert, den die Forschung des Instituts bereits vor fast einem Jahrzehnt als zentralen Akteur der Muslimbruderschaft in Europa identifiziert hatte.9 Die abweichende Schreibweise erklärt sich durch unterschiedliche Transliterationen aus dem Arabischen; der SDN-Listeneintrag verwendet dieselbe Namensform wie der Bericht von 2017.
Vidino stützte die Einordnung 2017 auf Interviews mit hochrangigen Muslimbruder-Funktionären und auf britische Unternehmensregister. Diese führten El Abiary als Direktor des Nile Valley Trust und von Alamat Media Services. Beide Firmen waren unter der Adresse 113 Cricklewood Broadway in London registriert, die Vidino als offizielles Londoner MB-Hauptquartier bezeichnete. Als Direktor von Alamat Media Services war zudem einer seiner Söhne, Abdulrahman, eingetragen, ebenfalls österreichischer Staatsbürger. Der Nile Valley Trust wiederum führte als Direktorin Eid Khalifa, die Witwe des langjährig in Wien ansässigen ägyptischen Muslimbruders Abdulaziz Khalifa, eines Freundes von Yussuf Nada. Diese Freundschaft ist relevant, denn Nada war keine Randfigur: Er war der Finanzstratege der Muslimbruderschaft, diente jahrelang als ihr Auslandsgesandter und wurde von der Bush-Administration 2001 beschuldigt, über die von ihm geführte Al-Taqwa-Bank das Al-Qaida-Netzwerk finanziert zu haben, worauf die weltweiten Vermögenswerte der Bank eingefroren wurden. Ein weiteres dokumentarisches Detail verbindet dieses Umfeld mit den europäischen Strukturen: In Nadas persönlichem Telefonbuch, das Schweizer Behörden 2001 bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmten, fand sich der Eintrag »Abdelaziz Khalifa, Vienna«; die erste dort notierte Telefonnummer war zugleich in einem FIOE-Dokument als Kontaktnummer des Wiener Vereins Liga Kultur angegeben.10 Die Schweizer Ermittlungen wurden 2005 ohne Anklage eingestellt; 2009 strichen die Vereinten Nationen Nada, der die Vorwürfe stets bestritt, von ihrer Sanktionsliste. Er starb 2024. Bei FIOE handelt es sich um die Föderation der Islamischen Organisationen in Europa, den Dachverband MB-naher Verbände in Europa.
Die Studie dokumentiert außerdem die lange zurückreichende Bedeutung Österreichs für das europäische MB-Netzwerk: In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde Al-Da’wa fi-Uruba (übersetzt etwa: Der Ruf zum Islam / Die Missionierung in Europa), die wichtigste Zeitschrift der Bewegung im Westen, in Wien herausgegeben.
Im Licht der aktuellen Sanktion fällt eine weitere Passage der Studie auf. Vidino schrieb bereits 2017: »Führungsfiguren und Zweige der Bruderschaft weltweit, auch in Österreich, haben Gelder für die Hamas, den palästinensischen Zweig der Bruderschaft, gesammelt und Terrorakte gegen israelische Zivilisten gutgeheißen.«11 Einen persönlichen Bezug zu El Abiary stellte der Bericht an dieser Stelle nicht her. Knapp zehn Jahre später erhebt das US-Finanzministerium nun konkrete Fundraising-Vorwürfe gegen den österreichischen Doppelstaatsbürger.
Insider über die Wiener Jahre
Zusätzliche Einblicke liefert eine Studie der Dokumentationsstelle Politischer Islam (Wien) aus dem Jahr 2022, für die Sergio Altuna und Vidino ausführliche Interviews mit vier langjährigen Angehörigen des Muslimbruderschafts-Milieus führten.12
Einer der Interviewten ist Samir Abullaban. Die Studie beschreibt ihn als gebürtigen Syrer aus Homs, der der Muslimbruderschaft Ende der 1970er-Jahre beitrat, 1981 in Österreich Asyl fand und seither in Wien lebt. Er bekleidete Führungspositionen in Organisationen des Milieus: in der Islamischen Vereinigung in Österreich, in der Liga Kultur und in der Föderation der Islamischen Organisationen in Europa (FIOE). Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs gehört er nach Angaben des Berichts offen der politischen Abteilung der syrischen Muslimbruderschaft und deren Vertretung in Europa an. Der Zeuge für al-Abyaris Wiener Jahre ist damit ein aktiver Funktionär der Bewegung selbst.
Über die gemeinsame Zeit mit al-Abyari in den 1980er-Jahren sagte Abullaban der Studie zufolge (S. 38): »Die ersten sechs, sieben Jahre waren wir gemeinsam in der Islamischen Vereinigung Österreich, und davor gab es eine andere Organisation in der Lindengasse, die Islamische Union.« Um das Jahr 1988 habe al-Abyari Österreich verlassen müssen und sei nach Großbritannien gezogen. Einen Grund nennt das Interview nach dieser Darstellung nicht. Die Islamische Vereinigung Österreich betreibt eine Moschee in der Wiener Praterstraße und verbreitete laut dem Bericht aktiv die Ideologie der Muslimbruderschaft; personell und organisatorisch war sie eng mit dem Verein Liga Kultur verflochten.
Eine zweite Insider-Stimme aus derselben Studie bestätigt al-Abyaris Verankerung im österreichischen Milieu. Salah Eddine el Gafrawi, 1986 erster Generalsekretär der FIOE, zählte ihn zu den Personen, die er dort kannte: »Damals kannte ich jeden in Österreich: Jamal Morad, Aiman Morad, Zahar al Attassi, Hassan Moussa, Samir Abullaban, Mahmoud al Abiary …«13
Graz, Netzwerke in Deutschland und die Kairoer MB-Regierung
Die Aufzählung, in der El Gafrawi al-Abyari nennt, fällt in der Studie in einem aufschlussreichen Zusammenhang. Unmittelbar zuvor beschreiben die Autoren Ayman Aly als eine der wichtigsten Figuren des österreichischen Bruderschafts-Milieus: ehemals stellvertretender Vorsitzender und Generalsekretär der FIOE, in den 1990er-Jahren angeblich für karitative Arbeit im Bosnienkrieg unterwegs, wobei die von ihm geleitete, in Albanien ansässige Taibah International Aid Agency 2004 als Terrororganisation eingestuft wurde. Nach seiner Albanien-Zeit ließ sich Aly dem Bericht von 2017 zufolge zunächst mit seiner Familie im deutschen Bonn nieder.
Später zog er nach Graz und übernahm die Leitung der al-Nur-Moschee, die als Sitz des Liga Kultur Verein für Multikulturellen Brückenbau dient. Natürlich kenne er Ayman Aly, sagt El Gafrawi an dieser Stelle, bevor er die österreichischen Namen aufzählt, unter ihnen al Abiary.14
Weitere Bezüge weisen nach Deutschland. El Gafrawi berichtet über die Rolle und Einschätzungen von Ibrahim El-Zayat. Dieser sei nicht glücklich darüber gewesen, dass Ayman Aly und Issam el Haddad in die MB-Regierung in Ägypten eingetreten waren, und habe gesagt: »Es wäre mir lieber gewesen, sie wären in Europa geblieben.« Die Studie ordnet ein: Aly und el Haddad, einer der Mitgründer der internationalen Organisation von Islamic Relief, verließen Europa in den frühen Tagen des Arabischen Frühlings und übernahmen schließlich hochrangige Positionen in der Muslimbruder-Regierung Mohammed Mursis.
Ibrahim El-Zayat selbst beschreibt die Studie als zentrale Figur der Muslimbruder-Netzwerke in Europa: Er führte unter anderem die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD), stand von 1996 bis 2002 an der Spitze des Forum of European Muslim Youth and Student Organisations (FEMYSO), der paneuropäischen Jugend- und Studentenorganisation des Netzwerks, und war in Finanzstrukturen des Netzwerks engagiert: Beim Europe Trust, den die FIOE als ihren finanziellen Arm gründete, war El-Zayat laut britischem Firmenregister von 2005 bis 2014 Direktor. Der Trust bezifferte sein Vermögen Anfang der 2020er-Jahre selbst auf rund 9,5 Millionen Euro; Recherchen der WELT legen nahe, dass allein sein Berliner Immobilienvermögen an diesen Wert heranreicht.15 Von 1995 bis 2012 war El-Zayat zudem Generalbevollmächtigter der Europäischen Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft (EMUG), die das Immobilienvermögen der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) von mehr als 300 Moscheen in Deutschland verwaltet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stellt in seiner Publikation »Islamismus in Deutschland« fest: »Die IGMG ist aktuell die größte islamistische Organisation in Deutschland.«16 Bis zu ihrem Tod im April 2026 war er mit Sabiha El-Zayat-Erbakan verheiratet, der Schwester des früheren Generalsekretärs und Vorsitzenden der IGMG, Mehmet Sabri Erbakan, und Nichte des früheren türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan.17
Nach dem bayerischen Verfassungsschutzbericht war El-Zayat von 2002 bis Anfang 2010 Vorsitzender der IGD.18 Die 2018 in Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG) umbenannte Organisation bildet nach Einschätzung deutscher Verfassungsschutzbehörden den Kern des Muslimbruderschafts-Netzwerks in Deutschland. Baden-Württembergs Verfassungsschutz führt El-Zayat als Mitbegründer und langjährigen Vorsitzenden der FEMYSO.19
Eine frühe finanzielle Verbindungslinie zwischen Aly und dem deutschen Netzwerk dokumentierte der Pulitzer-Preisträger Ian Johnson im Wall Street Journal bereits 2005: Ein deutscher Polizeibericht aus den Ermittlungen zum Taibah-Komplex kam demnach zu dem Schluss, »die Konstellation von Konten, Geldflüssen und Personen deutet darauf hin, dass die Konten von Ibrahim El-Zayat und Ayman Sayed Ahmed Aly in Deutschland für die Durchführung fundamentalistisch-islamischer Aktivitäten in Europa genutzt wurden«. Zu einer Anklage in Deutschland führten die Ermittlungen nicht.20
Weitere Ausgestaltungen dieses Geflechts zeichnet der Journalist Sascha Adamek in seinem 2026 erschienenen Buch »Unterwanderung« nach. El-Zayat war demnach jahrelang Direktor von Islamic Relief Worldwide (IRW) und als Kassenwart für die Finanzen von Islamic Relief Deutschland (IRD) zuständig, also in jener Organisation aktiv, deren Mitgründer Issam el Haddad später in die Mursi-Regierung wechselte. Zeitweise war er in der Europa-Vertretung der finanzkräftigen, der saudischen Regierung nahestehenden World Assembly of Muslim Youth tätig. Als Vertreter des britischen Europe Trust, über den nach Adameks Recherchen Millionensummen unter anderem aus Katar in europäische Moscheebauprojekte flossen, erwarb El-Zayat für 370.000 Euro ein Berliner Baugrundstück für den Verein Inssan; das Geld stamme, so El-Zayat damals, aus »arabischen Quellen«. Eine umfangreiche Anfrage Adameks zu diesen Aktivitäten ließ El-Zayat unbeantwortet.21
Den Vidino-Studien von 2017 und 2022 zufolge war El-Zayat in die Trägerstrukturen des Institut Européen des Sciences Humaines (IESH, Standort Château-Chinon) eingebunden. Der brandenburgische Verfassungsschutz berichtet, dass die französischen Behörden das in Paris ansässige IESH im September 2025 verboten haben: Das Institut habe nachweislich als Radikalisierungsfaktor für spätere Akteure terroristischer Organisationen fungiert, und es hätten unmittelbare personelle Verflechtungen zu Finanzierungsstrukturen der Hamas bestanden. Das Frankfurter Europäische Institut für Humanwissenschaften beschreibt derselbe Bericht als »Kaderschmiede« für künftige Funktionäre.22
El-Zayat selbst hat eine Zugehörigkeit stets in Abrede gestellt. Adamek hält in seinem Buch fest, El-Zayat bestreite »vehement jegliche Einbindung in MB-nahe Netzwerke«; gegen die Äußerung einer CDU-Politikerin, er sei ein »Funktionär der Muslimbruderschaft«, ging er dem Buch zufolge einst erfolglos gerichtlich vor. Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts München darf El-Zayat als »Funktionär der Muslimbruderschaften« bezeichnet werden. In einem von Adamek zitierten Interview mit der Plattform Islam.de erklärte El-Zayat zudem, es gebe zwar Mitglieder der Muslimbruderschaft, die sich intensiv an der Gründung islamischer Zentren beteiligt hätten, das heiße aber noch lange nicht, dass am Ende eine Steuerung durch die Muslimbruderschaft erfolgt sei. Die Behördenberichte halten dem eine gewichtige Fremdzuschreibung entgegen: Der damalige Oberste Führer der ägyptischen Bruderschaft, Mohammed Mahdi Akef, der selbst jahrelang Imam am Islamischen Zentrum München (IZM) gewesen war, bezeichnete El-Zayat als »Chef der Muslimbrüder in Deutschland«.23 In Ägypten wurde El-Zayat zweimal in Abwesenheit verurteilt. 2008 verhängte ein Militärgericht zehn Jahre Haft, mit dem Vorwurf, ein MB-Auslandsführer zu sein. Im Juni 2015 bestätigte ein Kairoer Gericht Todesurteile gegen den früheren Präsidenten Mursi und sechzehn Mitangeklagte wegen Spionagevorwürfen; unter den Verurteilten war auch El-Zayat, dessen Urteil nach eingelegter Berufung in eine vierzigjährige Haftstrafe umgewandelt wurde.24
Zusammengenommen fügt sich der hier ausgebreitete Befund zu folgendem Bild: Die USA erhöhen systematisch den Druck auf die Strukturen der Muslimbruderschaft in Europa, und zugleich auf die europäischen Regierungen, hier tätig zu werden. Zu einer verwandten Diagnose kommen Heiko Heinisch, Nina Scholz und Gustav E. Gustenau, deren jüngst erschienene Studie den Politischen Islam der Muslimbruderschaft bereits im Titel als hybride Bedrohung Europas fasst.25 Die Antiterrorstrategie des Weißen Hauses vom Mai 2026 erklärte es für inakzeptabel, dass NATO-Verbündete als finanzielle, logistische und Rekrutierungsdrehscheiben für Terroristen dienen könnten. Europa habe noch die Gelegenheit, sein Verhalten zu ändern. (Im Original: »It is unacceptable that wealthy NATO allies can serve as financial, logistical, and recruitment hubs for terrorists. Europe still has an opportunity to change its individual and collective counterterrorism destiny if it recognizes the actual threat and takes action now.«)26
Endnoten
- U.S. Department of the Treasury (23. Juli 2026): Treasury Disrupts Muslim Brotherhood and Hamas Financial Networks. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Foundation for Defense of Democracies (24. Juli 2026): Treasury Extends Its Muslim Brotherhood Campaign to Europe. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- The Times (23. Juli 2026): US sanctions London-based Muslim Brotherhood leader over alleged Hamas funding. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Office of Foreign Assets Control (23. Juli 2026): Counter Terrorism Designations. Specially Designated Nationals List Update. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Lee Harpin (9. August 2026): »Muslim Brotherhood chief linked to Hamas funding tracked down to north-west London address«. In: Jewish News. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Counter Extremism Project (Stand: 21. August 2026): Hamas. Threat Report. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Stefan Beig (28. Juli 2026): Hamas-Vorwürfe. USA setzen österreichischen Muslimbruder auf Terrorliste. In: exxpress.at. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Lorenzo Vidino (August 2017): The Muslim Brotherhood in Austria. In: Program on Extremism, George Washington University / Universität Wien. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Lorenzo Vidino (24. Juli 2026): US Treasury designates UK-based Austrian member of the Muslim Brotherhood Program on Extremism research had identified in 2017. In: TheThreat, Program on Extremism, George Washington University. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Lorenzo Vidino (August 2017): The Muslim Brotherhood in Austria. In: Program on Extremism, George Washington University / Universität Wien. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Lorenzo Vidino (August 2017): The Muslim Brotherhood in Austria. In: Program on Extremism, George Washington University / Universität Wien. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Yassin Musharbash (13. November 2022): Muslimbruderschaft in Europa: Im Verborgenen. In: ZEIT ONLINE. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Sergio Altuna / Lorenzo Vidino (November 2022): The Muslim Brotherhood in Germany and Austria. Documenting Testimonies of Four Insiders. In: Dokumentationsstelle Politischer Islam. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Sergio Altuna / Lorenzo Vidino (November 2022): The Muslim Brotherhood in Germany and Austria. Documenting Testimonies of Four Insiders. In: Dokumentationsstelle Politischer Islam. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Heiko Heinisch / Nina Scholz / Gustav E. Gustenau: »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft«. Baden-Baden (Nomos), 2026, S. 107 f. ↩︎
- Bundesamt für Verfassungsschutz (11. April 2025): Islamismus in Deutschland. Ideologie, Strömungen und Organisationen. Hier: S. 27. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Heiko Heinisch / Nina Scholz / Gustav E. Gustenau: »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft«. Baden-Baden (Nomos), 2026, S. 55 f. und S. 114. ↩︎
- Bayerisches Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr: »Verfassungsschutzbericht Bayern 2016«, S. 41 f. ↩︎
- Ministerium des Innern und für Kommunales des Landes Brandenburg: »Verfassungsschutzbericht 2025«, S. 170; Ministerium des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen Baden-Württemberg: »Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2024«. ↩︎
- Ian Johnson (29. Dezember 2005): How Islamic Group’s Ties Reveal Europe’s Challenge. A Conduit to Mainstream, Muslim Lobbyist Also Has Some Fundamentalist Links. In: The Wall Street Journal. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Sascha Adamek: »Unterwanderung. Der Politische Islam weiter auf dem Vormarsch«. München (Langen Müller), 2026, S. 105 ff. ↩︎
- Ministerium des Innern und für Kommunales des Landes Brandenburg: »Verfassungsschutzbericht 2025«, S. 170. ↩︎
- Sascha Adamek: »Unterwanderung. Der Politische Islam weiter auf dem Vormarsch«. München (Langen Müller), 2026, S. 105–106. ↩︎
- Bayerisches Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr: »Verfassungsschutzbericht Bayern 2016«, S. 41. ↩︎
- Heiko Heinisch / Nina Scholz / Gustav E. Gustenau: »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft«. Baden-Baden (Nomos), 2026. ↩︎
- The White House: »2026 United States Counterterrorism Strategy« vom 6. Mai 2026. LINK ↩︎