Die Veranstaltung fand laut der BILD-Zeitung unter der Schirmherrschaft des Innen-Staatssekretärs Christoph de Vries (CDU) statt. Wie die Zeitung unter Berufung auf mehrere Teilnehmer berichtet, legte Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen den Schwerpunkt auf die Muslimbruderschaft in Europa und in Deutschland. Die Muslimbrüder gingen nicht gewalttätig vor, seien jedoch nicht weniger gefährlich, weil sie ihre Ziele besonders strategisch und langfristig verfolgten. Die Islamisten versuchten demnach gezielt, in die deutschen Parteien hineinzuwirken, um auf diese Weise Staat und Gesellschaft zu verändern. Dabei hielten sie sich nach Selens Darstellung an die deutschen Gesetze – allerdings nur so lange, wie diese mit der Scharia vereinbar seien. Oberstes Ziel der Unterwanderungsversuche sei eine Gesellschaft, die nach Normen gestaltet sei, die die Muslimbrüder als islamisch verstünden.
Hintergrund: die Muslimbruderschaft
Die Muslimbruderschaft ist eine Bewegung mit einem weltweiten Netzwerk an Organisationen. Trotz Verbindungen zu Terrororganisationen wie der palästinensischen Hamas versuchten die Muslimbrüder in Europa, ihren Islam als weltoffen und tolerant darzustellen. Nach dem Verfassungsschutzbericht 2024 gilt die »Deutsche Muslimische Gemeinschaft e.V.« als wichtigste und zentrale Organisation der Anhängerschaft der Muslimbruderschaft in Deutschland; der Bewegung werden rund 1.450 Personen zugerechnet, hinzu kommen Kooperationspartner.
Das beschriebene Vorgehen besteht laut Bericht darin, dass über ein verschachteltes Netzwerk von Organisationen Kontakte zu Politikern geknüpft, um langfristige Beziehungen aufzubauen. Ziel sei es, Amtsträger im Sinne der Bewegung zu beeinflussen – etwa, sich gegen Kritik am Politischen Islam zu positionieren oder bei Islamismus wegzuschauen.
Mehr zum Thema:
- Dossier zur Dokumentation der Veranstaltung »Die Muslimbruderschaft (MB) – Agenda, Strukturen und politische Antworten« am 12. September 2025 im Willy-Brandt-Haus in Berlin. YouTube-Playlist ansehen
- »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft« (Nomos, 2026) von Heiko Heinisch, Nina Scholz und Gustav E. Gustenau. Rezension lesen
Sorge um Kontakte – Hinweis auf das linke Spektrum
In Sicherheitskreisen bestehe die Befürchtung, dass Politiker auch aus Unwissenheit Kontakt zu Personen aufnähmen, die der Muslimbruderschaft nahestünden oder ihr angehörten. Offener für eine solche Kontaktaufnahme seien dem Bericht zufolge vor allem Parteien aus dem linken Spektrum – teils aus Unkenntnis islamistischer Strukturen, teils aus einer aus Sicht der Behörden falsch verstandenen Toleranz.
Spannung zur schriftlichen Antwort der Bundesregierung
Selens mündliche Warnung steht in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu einer schriftlichen Auskunft der Bundesregierung von wenigen Wochen zuvor. In ihrer Antwort vom 6. Mai 2026 auf eine Kleine Anfrage (Drucksache 21/5840) bestätigt die Bundesregierung zwar Bestrebungen islamistischer Organisationen, die »langfristig das Ziel« verfolgten, »gesellschaftlich und politisch Einfluss zu nehmen«. Konkrete Erkenntnisse zu einer Parteienunterwanderung verneint sie jedoch: »Zu einer gezielten Unterwanderung im Deutschen Bundestag vertretener Parteien durch Mitglieder bzw. Anhänger islamistischer Organisationen liegen der Bundesregierung derzeit keine Erkenntnisse vor.«
Beide Aussagen schließen sich nicht zwingend aus. Selen warnte laut BILD-Zeitung allgemeiner vor Unterwanderungsversuchen politischer Institutionen, während die Regierung gezielte Erfolge in den Bundestagsparteien verneint. Deutlich fällt die Antwort dagegen zur Muslimbruderschaft aus: Deren Ziel sei ein System auf Grundlage von Koran und Sunna, das »im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung« stehe. Eine weitergehende Auskunft lehnte die Bundesregierung »aus Gründen des Staatswohls« ab, um Rückschlüsse auf die Arbeitsweise des Verfassungsschutzes zu vermeiden.
Mehrere Teilnehmer der geschlossenen Veranstaltung zeigten sich gegenüber BILD überrascht angesichts der Dringlichkeit von Selens Worten, aber auch erfreut über dessen Klarheit.
Reaktionen
- Der Journalist und Autor Sascha Adamek, der mit »Unterwanderung – Der Politische Islam weiter auf dem Vormarsch« (LMV, 2026) aktuell ein eigenes Buch zum Thema vorgelegt hat, schrieb auf der Plattform X: »Gut, dass der Verfassungsschutz das Thema Unterwanderung der Politik ins Visier nimmt. Ich habe das auch getan und investigativ recherchiert.«
- Die Politikwissenschaftlerin Nina Scholz verwies auf das gemeinsam mit Heiko Heinisch und Gustav Gustenau verfasste Buch »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft« (Nomos, 2026) und erklärte: »Es freut mich natürlich, wenn Sicherheitsbehörden die Analyse unseres Buches teilen.«
- Die Ethnologin und Islamismusforscherin Susanne Schröter sah sich in ihrer Position bestätigt. Sie schrieb: »Die Erkenntnis kommt spät. Wer, wie ich und viele andere, seit Jahren genau darauf hingewiesen hat, wurde als antimuslimischer Rassist verurteilt und des Rechtsextremismus verdächtigt. Hoffen wir mal, dass aus der verspäteten Erkenntnis Konsequenzen gezogen werden. Ich wiederhole meine These hier noch einmal: Islamismus ist die größte Bedrohung für die Demokratie in Europa.«
- Die iranischstämmige Publizistin Maral Salmassi ordnete die Warnung in eine längere Historie ein: »Davor warnen wir Iraner seit Jahren – und werden dafür von Linksextremen und ihren islamistischen Freunden als ›islamophob‹ diffamiert.«
- Der Psychologe Ahmad Mansour, Mitglied des Beraterkreises Islamismusprävention und Islamismusbekämpfung des Bundesinnenministeriums, verwies auf die seit mehreren Jahren vorliegenden Informationen: »Die Unterwanderungsbestrebungen des politischen Islam sind seit Jahren sichtbar – für alle, die hinsehen wollen. Sie stehen in den Schriften der Vordenker der Muslimbruderschaft, in Dokumenten, die das FBI bei seinen Ermittlungen sicherstellte, und seit Jahren in den Berichten des Verfassungsschutzes. Doch manche in Deutschland haben sich entschieden, lieber die Warner als Panikmacher und Islamfeinde zu diffamieren. Eine traurige Realität.«
Filipp Piatov (3. Juni 2026): Verfassungsschutz-Chef warnt vor Unterwanderung durch Islamisten. Beim Frühstück im Bundestag hinter verschlossenen Türen. In: BILD. Online verfügbar unter: LINK (archiviert)