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Vier­zehn Merk­ma­le: Umber­to Ecos »Ewi­ger Faschis­mus« ange­wen­det auf die Hamas

1995 beschrieb Umberto Eco vierzehn Merkmale faschistischer Bewegungen, die in unterschiedlicher historischer Gestalt auftreten können. In diesem Artikel fragt Jan Kapusnak: Taugt Ecos Merkmalskatalog zum Verständnis und zur Analyse der islamistischen Terrororganisation Hamas? Die Hamas bezeichnet sich als »Islamische Widerstandsbewegung«, ging 1987 aus dem palästinensischen Zweig der Muslimbruderschaft hervor und hat als ihr Ziel erklärt, den Staat Israel zu vernichten und auf dessen Gebiet einen islamischen Gottesstaat zu errichten. Und warum erkennen Teile der heutigen Linken Faschismus zwar in seiner europäischen Form, wollen ihn aber nicht erkennen, sobald er in der arabischen Welt unter als »Widerstand« und »Antiimperialismus« auftritt?

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Von Jan Kapus­nak

Es gibt ein selt­sa­mes Para­dox in Tei­len der heu­ti­gen radi­ka­len Lin­ken. Vie­le Akti­vis­ten und Grup­pen, die sich über den Kampf gegen den Faschis­mus defi­nie­ren, erken­nen Faschis­mus sofort, wenn er in sei­ner ver­trau­ten euro­päi­schen Form auf­tritt: als wei­ßer Supre­ma­tis­mus, Natio­na­lis­mus, Neo­na­zis­mus, Ras­sis­mus, Auto­ri­ta­ris­mus, Mili­ta­ris­mus und Hass auf Min­der­hei­ten. Doch vie­le wer­den aus­wei­chend, apo­lo­ge­tisch oder sogar sym­pa­thi­sie­rend, wenn ähn­li­che poli­ti­sche Merk­ma­le unter der Spra­che von »Wider­stand«, »Anti­im­pe­ria­lis­mus« und »paläs­ti­nen­si­scher Befrei­ung« auf­tre­ten.

Das ist kei­ne Aus­sa­ge über alle Anti­fa­schis­ten. Die »Anti­fa« ist kei­ne ein­heit­li­che Orga­ni­sa­ti­on mit einem Pro­gramm oder einer Hier­ar­chie.1 Es han­delt sich um ein loses, dezen­tra­les anti­fa­schis­ti­sches Milieu, meist im äußers­ten lin­ken Spek­trum ver­or­tet, und vie­le Anti­fa­schis­ten haben sich gegen Anti­se­mi­tis­mus und radi­ka­len Isla­mis­mus gestellt. Das Pro­blem betrifft einen bestimm­ten Teil der anti­fa­schis­ti­schen und anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Lin­ken: jene Strö­mung, die die Welt­po­li­tik vor allem durch den Gegen­satz zwi­schen dem Wes­ten und sei­nen Fein­den betrach­tet. In die­ser Welt­sicht wird Hamas nicht zuerst als isla­mis­ti­sche Bewe­gung mit tota­li­tä­rer Ideo­lo­gie ana­ly­siert, son­dern als Teil eines »anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Wider­stands« gegen Isra­el und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten.

Die­ser Wider­spruch ist nicht abs­trakt. Nach dem 7. Okto­ber 2023 berich­te­te das Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz Baden-Würt­tem­berg, dass Grup­pen aus der links­extre­mis­ti­schen Sze­ne, dar­un­ter das Offe­ne Tref­fen gegen Krieg und Mili­ta­ri­sie­rung (OTKM) Stutt­gart und die Revo­lu­tio­nä­re Akti­on Stutt­gart, eine pro­pa­läs­ti­nen­si­sche Demons­tra­ti­on in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Haupt­stadt unter­stütz­ten oder dafür mobi­li­sier­ten. Auch das Offe­ne Anti­fa­schis­ti­sche Tref­fen Rems-Murr-Kreis rief zur Teil­nah­me auf. Der­sel­be Ver­fas­sungs­schutz­be­richt ver­merk­te Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen mit Sami­doun, einem inter­na­tio­na­len pro­pa­läs­ti­nen­si­schen Netz­werk, das sich als Orga­ni­sa­ti­on der Gefan­ge­nen­so­li­da­ri­tät dar­stellt, von deut­schen Behör­den jedoch der Unter­stüt­zung extre­mis­ti­scher und ter­ro­ris­ti­scher Milieus beschul­digt wur­de. Zu jenen, die ihre Soli­da­ri­tät bekun­de­ten, gehör­te das genann­te OTKM Stutt­gart.2

Sami­doun wur­de spä­ter in Deutsch­land ver­bo­ten, nach­dem Bun­des­kanz­ler Olaf Scholz erklärt hat­te, Mit­glie­der der Grup­pe hät­ten auf deut­schen Stra­ßen den isla­mis­ti­schen Hamas-Ter­ror gefei­ert. Die Grup­pe hat­te Bil­der von Akti­vis­ten in Ber­lin ver­öf­fent­licht, die nach dem Hamas-Angriff vom 7. Okto­ber 2023 Süßig­kei­ten ver­teil­ten. Das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz berich­te­te, dass auch Mit­glie­der der Kom­mu­nis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on (KO) an einer Ver­an­stal­tung am 7. Okto­ber in Ber­lin teil­ge­nom­men und die­se ange­mel­det hat­ten, bei der Mit­glie­der des spä­ter ver­bo­te­nen Sami­doun-Netz­werks den Angriff der Hamas fei­er­ten und Süßig­kei­ten ver­teil­ten.3

Das ist das Para­dox: Men­schen, die Faschis­mus erken­nen kön­nen, wenn er als wei­ßer Natio­na­lis­mus erscheint, wol­len den Isla­mo­fa­schis­mus nicht erken­nen, wenn er sich als Anti­im­pe­ria­lis­mus prä­sen­tiert.

Umber­to Ecos Kon­zept vom »Ur-Faschis­mus« …

Der Begriff »Isla­mo­fa­schis­mus« ist umstrit­ten und soll­te nicht leicht­fer­tig ver­wen­det wer­den. Islam ist nicht Faschis­mus, und Mus­li­me sind oft die ers­ten Opfer isla­mis­ti­scher Bewe­gun­gen. Aber Isla­mis­mus ist nicht Islam. Isla­mis­mus ist eine moder­ne poli­ti­sche Ideo­lo­gie, die eine tota­le reli­gi­ös-poli­ti­sche Ord­nung errich­ten will. Sie zielt auf die Wie­der­her­stel­lung isla­mi­scher Herr­schaft, die Unter­ord­nung der Gesell­schaft unter die Scha­ria und die Mobi­li­sie­rung der Umma als poli­ti­scher Kör­per ab. Außer­dem möch­te sie Dschi­had, Schaha­da (Glau­bens­be­kennt­nis) und »Wider­stand« als Instru­men­te der Erlö­sung sakra­li­sie­ren.

Die Hamas ist eines der deut­lichs­ten Bei­spie­le die­ser Ideo­lo­gie in Gestalt einer Bewe­gung: eine sun­ni­tisch-isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, die paläs­ti­nen­si­schen Natio­na­lis­mus mit der Dok­trin der Mus­lim­bru­der­schaft, bewaff­ne­tem Dschi­had, anti­se­mi­ti­schem Ver­schwö­rungs­den­ken und Mär­ty­rer­kult ver­bin­det.

In die­sem Sin­ne lässt sich Hamas mit Umber­to Ecos Kon­zept des »Ur-Faschis­mus«, auch bekannt als »Ewi­ger Faschis­mus«, ana­ly­sie­ren.4 Eco hielt sei­nen Text zuerst am 25. April 1995 als Vor­trag an der Colum­bia Uni­ver­si­ty; spä­ter im sel­ben Jahr wur­de er als Essay in der New York Review of Books ver­öf­fent­licht. Eco defi­nier­te dar­in den Faschis­mus nicht nur über Uni­for­men, Gruß­for­men oder euro­päi­sche Regime des 20. Jahr­hun­derts. Viel­mehr beschrieb er eine Rei­he wie­der­keh­ren­der poli­ti­scher Merk­ma­le, die unter ver­schie­de­nen his­to­ri­schen und ideo­lo­gi­schen Kos­tü­men erneut auf­tre­ten kön­nen:

  1. den Kult der Tra­di­ti­on,
  2. die Ableh­nung der Moder­ne,
  3. die Tat um der Tat wil­len,
  4. die Behand­lung von Dis­sens als Ver­rat,
  5. die Angst vor Dif­fe­renz,
  6. den Appell an sozia­le Frus­tra­ti­on,
  7. die Beses­sen­heit von Ver­schwö­run­gen,
  8. die Dar­stel­lung des Fein­des als zugleich stark und schwach,
  9. den Glau­ben, dass Pazi­fis­mus Ver­rat sei,
  10. die Ver­ach­tung für Schwä­che,
  11. die Erzie­hung aller zum Hel­den­tum,
  12. den Machis­mo und den Waf­fen­kult,
  13. den selek­ti­ven Popu­lis­mus
  14. sowie Neu­sprech: die Reduk­ti­on von Spra­che auf Paro­len, die kri­ti­sches Den­ken blo­ckie­ren.

Auf die Hamas ange­wandt hilft die­ser Rah­men, etwas sicht­bar zu machen, das jene oft über­se­hen, die die Bewe­gung nur durch die Spra­che des »Wider­stands« betrach­ten: Hin­ter ihrer anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Rhe­to­rik liegt eine tota­li­sie­ren­de isla­mis­ti­sche Ideo­lo­gie, die vie­le emo­tio­na­le und poli­ti­sche Struk­tu­ren auf­weist, die Eco mit Faschis­mus ver­band.

… auf die Hamas ange­wandt

Die Hamas-Char­ta von 1988 ist ein unmiss­ver­ständ­li­ches Doku­ment poli­ti­scher Reli­gi­on. Sie erklärt, der Islam sei der Lebens­weg der Bewe­gung, ihre Loya­li­tät gel­te Allah, und sie wol­le das Ban­ner Allahs über jedem Zen­ti­me­ter Paläs­ti­nas erhe­ben. Die Char­ta prä­sen­tiert Hamas als uni­ver­sell ange­legt, über­all dort wirk­sam, wo Mus­li­me den Islam als Lebens­wei­se anneh­men. Sie ent­hält auch den berühm­ten Leit­spruch der Bewe­gung: »Allah ist ihr Ziel, der Pro­phet ihr Vor­bild, der Koran ihre Ver­fas­sung: Der Dschi­had ist ihr Weg, und der Tod um Allahs wil­len ist ihr erha­bens­ter Wunsch.«5

Allein die­ser Satz ent­hält meh­re­re von Ecos Merk­ma­len. Da ist der Kult der Tra­di­ti­on: Legi­ti­mi­tät kommt aus Offen­ba­rung und der ima­gi­nier­ten Wie­der­her­stel­lung einer hei­li­gen Ord­nung. Da ist die Ableh­nung moder­ner Plu­ra­li­tät: Poli­tik ist kei­ne mensch­li­che Aus­hand­lung zwi­schen Bür­gern, son­dern Gehor­sam gegen­über gött­li­cher Wahr­heit. Da ist der Kult der Tat: Dschi­had ist nicht bloß eine Tak­tik, son­dern der Weg. Und da ist der Kult des Todes: Der Tod ist kei­ne Tra­gö­die, son­dern der höchs­te Wunsch.

Merk­mal 1: Kult der Tra­di­ti­on

Das ers­te Ele­ment, der Kult der Tra­di­ti­on, ist zen­tral für die Hamas. Die Grün­dungs­char­ta der Bewe­gung stellt die Poli­tik in den Rah­men hei­li­ger Ewig­keit statt gewöhn­li­cher mensch­li­cher Geschich­te. Die Hamas prä­sen­tiert ihren Kampf als ver­wur­zelt in der Auto­ri­tät des Pro­phe­ten Moham­med, des Korans, der »recht­schaf­fe­nen Vor­fah­ren« und der Vor­bil­der frü­her isla­mi­scher Herr­schaft, ein­schließ­lich des Bei­spiels des Kali­fen Umar und der Gefähr­ten.

Paläs­ti­na wird nicht als moder­nes poli­ti­sches Ter­ri­to­ri­um behan­delt, des­sen Zukunft durch Kom­pro­miss, Diplo­ma­tie oder demo­kra­ti­sches Man­dat ent­schie­den wer­den kann. Es wird als isla­mi­scher Waqf beschrieben[9] – als reli­giö­se Stif­tung, Gott geweiht und dau­er­haft für mus­li­mi­sche Gene­ra­tio­nen bis zum Jüngs­ten Tag reser­viert. Kein ara­bi­scher Staat, kei­ne paläs­ti­nen­si­sche Orga­ni­sa­ti­on, kein König, kein Prä­si­dent und kein Par­la­ment hät­ten die Auto­ri­tät, irgend­ei­nen Teil davon auf­zu­ge­ben. Das ist der Kult der Tra­di­ti­on in sei­ner reins­ten poli­ti­schen Form: Die Ver­gan­gen­heit ist nicht Quel­le von Erin­ne­rung oder Iden­ti­tät, son­dern ewi­ger Befehl.

Merk­mal 2: Ableh­nung der Moder­ne

Die Ableh­nung der Moder­ne, Ecos zwei­tes Merk­mal, bedeu­tet nicht die Ableh­nung von Tech­no­lo­gie. Faschis­ti­sche und faschis­to­ide Bewe­gun­gen nut­zen moder­ne Mit­tel oft mit gro­ßer Effi­zi­enz. Was sie ableh­nen, ist die libe­ra­le Moder­ne: säku­la­re Poli­tik, indi­vi­du­el­le Rech­te, Plu­ra­lis­mus, ratio­na­len Kom­pro­miss, Femi­nis­mus, kos­mo­po­li­ti­sche Skep­sis und die Vor­stel­lung, dass Sou­ve­rä­ni­tät den Bür­gern gehört und nicht einem hei­li­gen Kol­lek­tiv.

Die Hamas ver­kör­pert genau die­sen Wider­spruch. Sie ist modern in ihren Metho­den – sie nutzt sozia­le Medi­en, Goog­le Maps, ver­schlüs­sel­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, Droh­nen, Pro­pa­gan­da­vi­de­os und glo­ba­le Akti­vis­ten­netz­wer­ke –, aber anti­mo­dern in ihrem ideo­lo­gi­schen Hori­zont.6 Ihre Grün­dungs­char­ta stellt sich Poli­tik nicht als säku­la­re Aus­hand­lung zwi­schen zwei natio­na­len Gemein­schaf­ten vor, son­dern als reli­giö­sen Kampf, der durch gött­li­chen Befehl bestimmt wird. Das ent­spricht Ecos Beob­ach­tung, dass faschis­to­ide Bewe­gun­gen Tech­no­lo­gie »ver­eh­ren« kön­nen, wäh­rend sie zugleich die mora­li­schen und poli­ti­schen Wer­te der Moder­ne ableh­nen.7

Merk­mal 3: Tat um der Tat wil­len

Ein drit­tes Merk­mal ist der Kult der Tat um der Tat wil­len. Für Eco glo­ri­fi­zie­ren faschis­to­ide Bewe­gun­gen die Tat – vor allem die gewalt­sa­me Tat – als hero­isch, rei­ni­gend und in sich bedeu­tungs­voll. Die Hamas-Char­ta folgt die­ser Logik: Der Dschihad[9] ist nicht eine Stra­te­gie unter ande­ren, son­dern der Weg der Bewe­gung. Der Tod um Allahs wil­len wird als ihr höchs­ter Wunsch beschrie­ben. Gewalt wird zum eige­nen Beweis von Authen­ti­zi­tät.

Die frü­he­ren Selbst­mord­an­schlä­ge der Hamas waren ein düs­te­res Vor­spiel die­ser Logik, doch der 7. Okto­ber war ihre bru­tals­te, thea­tra­lischs­te und tech­no­lo­gisch ver­stärk­te Form. Das Mas­sa­ker wur­de nicht gefei­ert, weil es den Paläs­ti­nen­sern Sou­ve­rä­ni­tät oder Wohl­stand gebracht hät­te – es brach­te Ver­wüs­tung und Krieg –, son­dern weil Hamas in Zer­stö­rung und Opfer gedeiht. Ihre Ideo­lo­gie misst Erfolg nicht an der Ver­bes­se­rung paläs­ti­nen­si­schen Lebens, son­dern am Bruch, an der Demü­ti­gung des Fein­des und an der Pro­duk­ti­on von Mär­ty­rern.

Die Hamas-Angrei­fer film­ten und stream­ten Gräu­el­ta­ten mit Smart­phones und GoPro-Kame­ras und ver­wan­del­ten den Mord selbst in Pro­pa­gan­da und Per­for­mance.8 Die Tat soll­te nicht nur töten, son­dern gese­hen, geteilt und bewun­dert wer­den. In die­ser Welt­sicht ist »Wider­stand« nicht bloß eine Stra­te­gie; er ist eine Iden­ti­tät. Gewalt ist nicht nur Mit­tel. Sie wird zur höchs­ten Form von Wahr­heit der Bewe­gung.

Merk­mal 4: Behand­lung von Dis­sens als Ver­rat

Ecos vier­ter Punkt lau­tet, dass Dis­sens als Ver­rat gilt. In faschis­to­iden Bewe­gun­gen wird abwei­chen­de Mei­nung nicht als legi­ti­me Mei­nungs­ver­schie­den­heit behan­delt, son­dern als Ver­rat an der kol­lek­ti­ven Sache. Die Hamas-Char­ta von 1988 ver­wirft Frie­dens­in­itia­ti­ven und inter­na­tio­na­le Kon­fe­ren­zen als nutz­los, weil die paläs­ti­nen­si­sche Fra­ge, so heißt es dort, nur durch den Dschi­had gelöst wer­den kön­ne. In der Welt­sicht der Hamas ist der Feind nicht nur Isra­el, son­dern auch jeder paläs­ti­nen­si­sche oder ara­bi­sche Akteur, der Kom­pro­miss, Ver­hand­lung oder Nor­ma­li­sie­rung akzep­tiert.

Die­se Logik ist wie­der­holt in Gewalt umge­schla­gen. 2009 zer­schlug die Hamas die sala­fis­tisch-dschi­ha­dis­ti­sche Grup­pe Jund Ansar Allah, nach­dem die­se in Rafah ein »Isla­mi­sches Emi­rat« aus­ge­ru­fen und der Hamas unzu­rei­chen­de isla­mi­sche Ori­en­tie­rung und Herr­schaft vor­ge­wor­fen hat­te.9 Die radi­ka­le­re isla­mis­ti­sche Abwei­chung wur­de also nur so lan­ge tole­riert, bis sie das Macht­mo­no­pol der Hamas her­aus­for­der­te. Nach dem 7. Okto­ber erschien das­sel­be Mus­ter erneut: Die Hamas nutz­te Anschul­di­gun­gen der »Kol­la­bo­ra­ti­on«, des »Ver­rats« und der »Gesetz­lo­sig­keit«, um mut­maß­li­che Kol­la­bo­ra­teu­re hin­zu­rich­ten, riva­li­sie­ren­de Clans und Mili­zen zu bekämp­fen und Her­aus­for­de­rer wie die Abu-Shabab-Grup­pe als von Isra­el gestütz­te Ver­rä­ter dar­zu­stel­len.10

In Hamas’ poli­ti­schem Uni­ver­sum ist Oppo­si­ti­on kei­ne Mei­nungs­ver­schie­den­heit; sie ist Ver­rat. Poli­ti­scher Plu­ra­lis­mus exis­tiert nicht. Das hei­li­ge Kol­lek­tiv hat nur eine authen­ti­sche Stim­me – die der Hamas –, und wer sie her­aus­for­dert, ist kein Geg­ner, mit dem man debat­tiert, son­dern ein Feind, der zer­schla­gen wer­den muss.

Merk­mal 5: Angst vor Dif­fe­renz

Das fünf­te Merk­mal ist die Angst vor Dif­fe­renz. »Ur-Faschis­mus« sucht Ein­heit, indem er einen Feind defi­niert: den Ein­dring­ling, den Frem­den, den ver­der­ben­den Außen­sei­ter. Im Fall der Hamas zeigt sich dies in ihrem Anti­se­mi­tis­mus und in ihrer Spra­che über Juden und Israe­lis als Kolo­ni­sa­to­ren und Kreuz­fah­rer.

Arti­kel 7 der Char­ta von 1988 ent­hält den apo­ka­lyp­ti­schen Hadith über Mus­li­me, die vor dem Jüngs­ten Tag gegen Juden kämp­fen, wobei selbst Stei­ne und Bäu­me Mus­li­me auf­for­dern wür­den, den Juden zu töten, der sich hin­ter ihnen ver­steckt. Das ist eine reli­gi­ös codier­te Visi­on des Juden als kos­mi­schem Feind. Dif­fe­renz wird nicht tole­riert oder poli­tisch aus­ge­han­delt; sie wird dämo­ni­siert. Das ist genau jene Angst vor Dif­fe­renz, die Eco iden­ti­fi­zier­te: Ein­heit, die durch Hass auf den »Ein­dring­ling« her­ge­stellt wird.

Merk­mal 6: Appell an sozia­le Frus­tra­ti­on

Ecos sechs­ter Punkt ist der Appell an sozia­le Frus­tra­ti­on. Faschis­to­ide Bewe­gun­gen näh­ren sich von Demü­ti­gung, Res­sen­ti­ment und ver­wun­de­ter Iden­ti­tät und ver­spre­chen Wie­der­her­stel­lung. Die Hamas hat einen gro­ßen Teil ihrer Anzie­hungs­kraft auf dem rea­len Leid der Paläs­ti­nen­ser auf­ge­baut, kana­li­siert die­se Miss­stän­de jedoch in eine tota­le Ideo­lo­gie von Dschi­had und Rache.

Gleich­zei­tig ist die Ter­ror­grup­pe selbst zu einem der zen­tra­len Moto­ren des Elends in Gaza gewor­den: Ihre Mili­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft, die Unter­drü­ckung von Riva­len, die Umlei­tung von Res­sour­cen in ein rie­si­ges Tun­nel­sys­tem11 und ihr Opfer­kult haben gera­de jenes Leid ver­tieft, das sie zu rächen behaup­tet. Statt Frus­tra­ti­on in Insti­tu­tio­nen­auf­bau oder Kom­pro­miss zu ver­wan­deln, trans­for­miert die Hamas sie in per­ma­nen­te Mobi­li­sie­rung. Paläs­ti­nen­si­sches Leid wird nicht als Tra­gö­die behan­delt, die über­wun­den wer­den muss, son­dern als Roh­ma­te­ri­al isla­mis­ti­scher Macht – und durch Pro­pa­gan­da als Waf­fe, um inter­na­tio­na­le Ver­ur­tei­lung Isra­els her­vor­zu­ru­fen.

Merk­mal 7: Beses­sen­heit von Ver­schwö­run­gen

Die Beses­sen­heit von einer Ver­schwö­rung ist der sieb­te Punkt. Die Hamas-Char­ta behaup­tet, Juden stün­den hin­ter Revo­lu­tio­nen, Krie­gen, Geheim­ge­sell­schaf­ten und inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen. Sie nennt[9] sogar Frei­mau­rer, Rota­ry Clubs und Lions Clubs als Instru­men­te die­ser angeb­li­chen jüdi­schen Macht und ver­wan­delt gewöhn­li­che zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen in Tei­le einer umfas­sen­den anti­jü­di­schen Fan­ta­sie. Das ist die alte Gram­ma­tik anti­se­mi­ti­scher Ver­schwö­rung: der Jude als ver­bor­ge­ner Mani­pu­la­tor der Geschich­te. Faschis­ti­sche Bewe­gun­gen haben sol­che Fein­de immer gebraucht. Sie erklä­ren Kom­ple­xi­tät, Schei­tern und Demü­ti­gung durch einen ein­zi­gen dämo­ni­schen Akteur.

Merk­mal 8: Dar­stel­lung des Fein­des als zugleich stark und schwach

Das ach­te Merk­mal ist der Glau­be, der Feind sei zugleich stark und schwach. Hamas stellt Isra­el als mons­trö­se, kolo­nia­le, glo­bal gestütz­te Macht dar – und zugleich als fra­gil, fei­ge, deka­dent und zum Ver­schwin­den bestimmt. Hani­y­ehs Rede vom 7. Okto­ber folg­te die­sem Mus­ter: Isra­el war mäch­tig genug, im Zen­trum der ara­bi­schen Nor­ma­li­sie­rung zu ste­hen, und doch angeb­lich so schwach, dass es sich nicht ein­mal selbst schüt­zen konn­te.12

Der­sel­be Wider­spruch durch­zieht Hamas’ anti­se­mi­ti­sche Vor­stel­lungs­welt. Juden wer­den als nahe­zu all­mäch­ti­ge Ver­schwö­rer dar­ge­stellt, die die Welt­po­li­tik kon­trol­lie­ren, zugleich aber als schmut­zi­ge, erbärm­li­che und geis­tig min­der­wer­ti­ge Wesen, die besiegt und gede­mü­tigt wer­den. Die­ser Wider­spruch ist psy­cho­lo­gisch nütz­lich: Der Feind muss stark genug sein, um per­ma­nen­ten Krieg zu recht­fer­ti­gen, aber schwach genug, um den Sieg unaus­weich­lich erschei­nen zu las­sen. Die Iro­nie liegt auf der Hand. Hamas dämo­ni­siert Isra­el und Juden als fremd und ille­gi­tim, wäh­rend Gazas Wirt­schaft seit lan­gem vom israe­li­schen Sche­kel abhängt.13

Merk­mal 9: Glau­be, dass Pazi­fis­mus Ver­rat sei

Ecos neun­ter Punkt lau­tet, dass Pazi­fis­mus als Pak­tie­ren mit dem Feind gilt. In der Welt­sicht der Hamas ist Frie­den kei­ne poli­ti­sche Opti­on, son­dern Kapi­tu­la­ti­on. Die Char­ta von 1988 weist Frie­dens­in­itia­ti­ven zurück. Dem­entspre­chend hat die Hamas den Oslo-Pro­zess nie als legi­ti­men Weg zu paläs­ti­nen­si­scher Selbst­be­stim­mung akzep­tiert. Ihre Selbst­mord­an­schlä­ge wäh­rend der Zwei­ten Inti­fa­da zeig­ten die­se Logik in der Pra­xis: Ver­hand­lun­gen wur­den mit Blut­ver­gie­ßen beant­wor­tet.

Selbst in der Prin­zi­pi­en­er­klä­rung von 2017 bleibt bewaff­ne­ter Wider­stand zen­tral.14 Die Hamas nutzt Gewalt nicht ein­fach; sie sakra­li­siert sie. Poli­tik wird zum Krieg mit ande­ren Mit­teln, und das Leben selbst wird als per­ma­nen­ter Krieg orga­ni­siert. In einer sol­chen Welt­sicht kann es kei­ne nor­ma­le zivi­le Zukunft geben, kei­ne ent­mi­li­ta­ri­sier­te Poli­tik und kei­nen Frie­den ohne Ver­rat – nur end­lo­sen Kampf, Opfer und Mobi­li­sie­rung.

Merk­mal 10: Ver­ach­tung für Schwä­che

Der zehn­te Punkt ist popu­lä­rer Eli­tis­mus und Ver­ach­tung für Schwä­che. »Ewi­ger Faschis­mus« erzählt den Mas­sen, sie gehör­ten zu einem heroi­schen Volk, wäh­rend er sie zugleich einer mili­ta­ri­sier­ten Hier­ar­chie unter­wirft, die sie als Mate­ri­al für Opfer behan­delt. Die Hamas wen­det die­se Logik auf die Paläs­ti­nen­ser an. Sie preist sie als ein­zig­ar­tig stand­haf­tes Volk des »Wider­stands«, behan­delt sie aber nicht in ers­ter Linie als Bür­ger, die Anspruch auf Sicher­heit, Wohl­stand, Plu­ra­lis­mus oder poli­ti­sche Wahl­frei­heit haben. Von ihnen wird erwar­tet, aus­zu­hal­ten, zu gehor­chen, sich zu opfern und Mär­ty­rer her­vor­zu­brin­gen.15

Merk­mal 11: Erzie­hung zum Hel­den­tum

Ecos elf­ter Punkt ist die Erzie­hung aller zu Hel­den. Faschis­ti­sche Bewe­gun­gen behan­deln Hel­den­tum nicht als Aus­nah­me; sie nor­ma­li­sie­ren es und bin­den es an den Kult des Todes. Die Hamas tut dies durch den Mär­ty­rer­kult. Ihre Char­ta erklärt: »Der Dschi­had ist ihr Weg, und der Tod um Allahs wil­len ist ihr erha­bens­ter Wunsch«, und for­dert, den Geist des Dschi­had in die Nati­on ein­zu­pflan­zen.

Die Hamas betrieb mili­ta­ri­sier­te Jugend­camps in Gaza, in denen Jun­gen in Drill, Waf­fen und der Spra­che des »Wider­stands« geschult wur­den. Bei einem sol­chen Camp beschrieb ein Hamas-Funk­tio­när das Trai­ning als Vor­be­rei­tung auf die »Befrei­ung Paläs­ti­nas«.16 Frau­en wer­den in die­ser Welt­sicht nicht als eman­zi­pier­te Indi­vi­du­en behan­delt, son­dern als »Mache­rin­nen von Män­nern«, ver­ant­wort­lich dafür, Kin­der für den Kampf groß­zu­zie­hen.

Das Ergeb­nis ist eine Gesell­schaft, der bei­gebracht wird, Opfer mehr zu bewun­dern als Leben. Wie der ehe­ma­li­ge Hamas-Füh­rer Ismail Hani­y­eh nach dem Tod eige­ner Ver­wand­ter sag­te: »Durch das Blut der Mär­ty­rer und den Schmerz der Ver­letz­ten schaf­fen wir Hoff­nung, schaf­fen wir die Zukunft, schaf­fen wir Unab­hän­gig­keit und Frei­heit.«17 Genau davor warn­te Eco: Wenn Hel­den­tum zur Norm wird, wird der Tod zur poli­ti­schen Wäh­rung – und Füh­rer, die den heroi­schen Tod ver­herr­li­chen, sind oft am ehes­ten bereit, ande­re in den Tod zu schi­cken.

Im Janu­ar 2025 pries der hoch­ran­gi­ge Hamas-Füh­rer Kha­lil al-Hay­ya den 7. Okto­ber als mili­tä­ri­sche Leis­tung und als Quel­le des Stol­zes, die von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben wer­den sol­le.18 Das ist faschis­to­ide Päd­ago­gik in ihrer reins­ten Form: Gräu­el­ta­ten wer­den zum Erbe, Mas­sa­ker zur Erin­ne­rung, und der nächs­ten Gene­ra­ti­on wird nicht Ent­set­zen, son­dern Stolz dar­auf bei­gebracht.

Merk­mal 12: Machis­mo und Waf­fen­kult

Machis­mo und Waf­fen­kult bil­den den zwölf­ten Punkt. Eco schreibt, der »urfa­schis­ti­sche Held« nei­ge dazu, mit Waf­fen zu spie­len, und ver­wand­le sie in eine »ersatz­wei­se phal­li­sche Übung«. Die poli­ti­sche Vor­stel­lungs­welt der Hamas ist um genau die­se Figur gebaut: den bewaff­ne­ten männ­li­chen Kämp­fer, den mas­kier­ten Mili­tan­ten, den Mär­ty­rer, der Demü­ti­gung durch Gewalt erlöst. Waf­fen sind nicht bloß Instru­men­te; sie wer­den zu Sym­bo­len von Authen­ti­zi­tät, Männ­lich­keit und poli­ti­scher Legi­ti­mi­tät. Gewalt beweist Männ­lich­keit; Mär­ty­rer­tum krönt sie. Des­halb miss­ver­steht die Vor­stel­lung, Hamas wer­de sich ein­fach frei­wil­lig ent­waff­nen, die Bewe­gung: Für Hamas sind Waf­fen der eigent­li­che Beweis ihrer Iden­ti­tät und Macht.

Merk­mal 13: Selek­ti­ver Popu­lis­mus

Der drei­zehn­te Punkt ist selek­ti­ver Popu­lis­mus. »Ur-Faschis­mus« behan­delt das Volk nicht als plu­ra­lis­ti­sche Bür­ger­schaft mit indi­vi­du­el­len Rech­ten und unter­schied­li­chen Mei­nun­gen. Er stellt sich »das Volk« als einen mys­ti­schen Kör­per mit einem ein­zi­gen authen­ti­schen Wil­len vor – und die Bewe­gung bean­sprucht, für die­sen Wil­len zu spre­chen. Die Hamas spricht im Namen »des paläs­ti­nen­si­schen Vol­kes«, »des Wider­stands« und der Umma, wäh­rend sie Paläs­ti­nen­sern, die Kom­pro­miss, Koexis­tenz oder ein­fach ein nor­ma­les Leben wol­len, die Legi­ti­mi­tät abspricht. Wer die Hamas unter­stützt, gilt als authen­ti­sches Volk; wer sie ablehnt, kann als Kol­la­bo­ra­teur oder Agent Isra­els abge­tan wer­den. Die Ter­ror­grup­pe beruft sich stän­dig auf das Volk, lässt es aber nicht frei spre­chen.19 Sie spricht für es – und über es hin­weg.

Merk­mal 14: Neu­sprech

Als vier­zehn­ten und letz­ten Punkt iden­ti­fi­ziert Eco den Neu­sprech: die Degra­die­rung der Spra­che zu Paro­len. »Ur-Faschis­mus« redu­ziert Spra­che auf Schlag­wor­te, die kri­ti­sches Den­ken blo­ckie­ren. Die Hamas tut das­sel­be durch ihr Voka­bu­lar von »Wider­stand«, »Mär­ty­rer­tum«, »Befrei­ung« und »Kol­la­bo­ra­ti­on«. Ter­ror­an­schlä­ge wer­den zu »Ope­ra­tio­nen«. Ermor­de­te Zivi­lis­ten wer­den zu »Sied­lern« oder »Zio­nis­ten«. Selbst­mord­at­ten­tä­ter wer­den zu »Mär­ty­rern«. Poli­ti­sche Geg­ner wer­den zu »Ver­rä­tern« oder »Agen­ten«. Frie­den wird zu »Kapi­tu­la­ti­on«; Kom­pro­miss wird zu »Kol­la­bo­ra­ti­on«; Tod wird zu »Sieg«.

Die­se Spra­che erklärt die Wirk­lich­keit nicht, sie ersetzt die­se Wirk­lich­keit. Sie ver­wan­delt mora­li­sches Urteil in ritu­el­le Wie­der­ho­lung und lässt Gewalt edel, unver­meid­lich und hei­lig klin­gen. Der Neu­sprech der Hamas erlaubt es, Mas­sa­ker »Wider­stand« zu nen­nen, Dik­ta­tur »Stand­haf­tig­keit« und end­lo­sen Krieg »Befrei­ung«.20

Blin­der Fleck

Hier wird der blin­de Fleck man­cher Anti­fa­schis­ten so gra­vie­rend. Wenn Hamas die­se Spra­che spricht, hören Tei­le der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Lin­ken nur »Wider­stand«. Sie hören nicht den Kult des Todes, die Ver­schwö­rungs­theo­rie, den reli­giö­sen Tota­li­ta­ris­mus, den Anti­se­mi­tis­mus, den per­ma­nen­ten Krieg, den Machis­mo, die Ver­ach­tung für Schwä­che, den selek­ti­ven Popu­lis­mus oder den Neu­sprech. Sie sehen die »Unter­drück­ten«, wei­gern sich aber, die auto­ri­tä­re Bewe­gung zu sehen, die bean­sprucht, in ihrem Namen zu spre­chen.

Das Ergeb­nis ist eine gro­tes­ke Umkeh­rung. Anti­fa­schis­ten, die einer wei­ßen natio­na­lis­ti­schen Bewe­gung nie­mals ver­zei­hen wür­den, dass sie den Tod ver­herr­licht, Juden dämo­ni­siert, Waf­fen ver­ehrt, Frau­en kon­trol­liert und Dis­sens als Ver­rat behan­delt, wer­den plötz­lich vage, wenn die­sel­ben Mus­ter in isla­mis­ti­scher Form erschei­nen. Das Haken­kreuz wird sofort erkannt. Das grü­ne Stirn­band wird als »Kon­text« behan­delt.

Das bedeu­tet nicht, dass jede paläs­ti­nen­si­sche Sache isla­mis­tisch oder paläs­ti­nen­si­sches Leid nicht real wäre. Es bedeu­tet auch nicht, dass jeder Geg­ner israe­li­scher Poli­tik die Hamas unter­stützt. Vie­le Paläs­ti­nen­ser haben unter Hamas gelit­ten, und vie­le Mus­li­me, Libe­ra­le, Femi­nis­tin­nen und Dis­si­den­ten gehö­ren zu den ers­ten Opfern des Isla­mis­mus. Der Punkt ist gera­de, dass die Hamas nicht roman­ti­siert wer­den soll­te als authen­ti­sche Stim­me der Unter­drück­ten. Sie ist eine isla­mis­ti­sche Bewe­gung mit faschis­to­ider Struk­tur.

Das ist die Unter­schei­dung, die Tei­le der Lin­ken zu machen ver­lernt haben. Ein Anti­fa­schis­mus, der Faschis­mus außer­halb sei­nes euro­päi­schen Kos­tüms nicht erkennt, ist kein ernst­haf­ter Anti­fa­schis­mus. Die Hamas ist nicht iden­tisch mit dem ita­lie­ni­schen Faschis­mus oder dem deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus. Ihre Spra­che ist isla­misch statt »ras­sisch«; ihr Kol­lek­tiv ist die Umma statt der Nati­on; ihr Recht wird als gött­lich statt als säku­lar dar­ge­stellt.

Umber­to Ecos Rah­men wur­de gera­de dafür ent­wi­ckelt, die wie­der­keh­ren­den Merk­ma­le des Faschis­mus unter ver­schie­de­nen his­to­ri­schen Kos­tü­men zu erken­nen. Die Auf­ga­be eines ech­ten Anti­fa­schis­mus müss­te brei­ter und ehr­li­cher sein, als er es heu­te oft ist. Faschis­to­ide Poli­tik ist über­all dort zu bekämp­fen, wo sie auf­tritt. Alles ande­re ist kein Anti­fa­schis­mus. Es ist selek­ti­ve Blind­heit.


Jan Kapus­nak ist Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und frei­er Autor in Tel Aviv. Die­ser Bei­trag erschien zuerst am 4. Juni 2026 bei Mena-Watch: LINK (archi­viert). Nach­ver­öf­fent­li­chung mit freund­li­cher Geneh­mi­gung.


End­no­ten

  1. Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz: Die Anti­fa – anti­fa­schis­ti­scher Kampf im Links­extre­mis­mus. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  2. Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz Baden-Würt­tem­berg: Der Ter­ror­an­griff der HAMAS auf Isra­el und die Fol­gen hier­zu­lan­de – ers­te Reak­tio­nen extre­mis­ti­scher Sze­nen auch in Baden-Würt­tem­berg. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  3. Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und für Hei­mat (2. Novem­ber 2023): Ver­eins­ver­bo­te »HAMAS« und »Sami­doun«. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  4. Umber­to Eco (22. Juni 1995): Ur-Fascism. In: The New York Review of Books. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert). Auf die­sen Essay bezie­hen sich sämt­li­che im Text genann­ten vier­zehn Merk­ma­le des »Ur-Faschis­mus« sowie das Zitat von der »ersatz­wei­se phal­li­schen Übung«. ↩︎
  5. The Ava­lon Pro­ject, Yale Law School: Hamas Coven­ant 1988. The Coven­ant of the Isla­mic Resis­tance Move­ment. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert). Beleg für den Leit­spruch der Bewe­gung, die Waqf-Dok­trin, die Stel­lung des Dschi­had, die Ableh­nung von Frie­dens­in­itia­ti­ven, den Hadith aus Arti­kel 7, die Nen­nung von Frei­mau­rern sowie das Frau­en­bild der Char­ta. ↩︎
  6. Dar­ren Lou­cai­des (31. Okto­ber 2023): How Tele­gram Beca­me a Ter­ri­fy­ing Wea­pon in the Isra­el-Hamas War. In: Wired. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  7. James M. Page (März 2025): Dro­nes and the Hamas-led Attack of 7 Octo­ber 2023. Inno­va­ti­on and Impli­ca­ti­ons. In: Per­spec­ti­ves on Ter­ro­rism, Jg. 19, Nr. 1 (Hrsg. Inter­na­tio­nal Cent­re for Coun­ter-Ter­ro­rism). Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  8. Time (31. Okto­ber 2023): »No Going Back«: Hamas’ New Social Media Stra­tegy. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  9. FDD’s Long War Jour­nal (14. August 2009): Hamas and al Qaeda-lin­ked group clash in Gaza. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  10. Reu­ters (2. Juli 2025): Hamas orders Gaza clan lea­der to sur­ren­der, accu­ses him of tre­ason. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  11. Modern War Insti­tu­te at West Point: Israel’s New Approach to Tun­nels. A Para­digm Shift in Under­ground War­fa­re. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  12. Reu­ters (7. Okto­ber 2023): Hamas lea­der Hani­y­eh says Isra­el can’t pro­vi­de pro­tec­tion for any coun­try in regi­on. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  13. World Bank (2025): Public Expen­dit­u­re Review of the Pal­es­ti­ni­an Aut­ho­ri­ty. Poli­cy Prio­ri­ties Amid a Spi­ra­ling Fis­cal Cri­sis (PDF). Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  14. Hamas (1. Mai 2017): A Docu­ment of Gene­ral Prin­ci­ples and Poli­ci­es. Online ver­füg­bar unter (PDF, Pal­es­ti­ni­an Media Watch): LINK (archi­viert); Mena-Watch: Kein Schwenk der Hamas. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  15. Hamas (2017): Docu­ment of Gene­ral Prin­ci­ples and Poli­ci­es. In: The Inter­ac­ti­ve Ency­clo­pe­dia of the Pal­es­ti­ne Ques­ti­on (palquest.org). Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  16. FDD’s Long War Jour­nal (1. Juli 2021): Hamas defends its mili­ta­ry sum­mer camps for child­ren and teen­agers. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  17. Reu­ters (2. August 2024): Haniyeh’s last words: »If a lea­der lea­ves, ano­ther will come«. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  18. The Times of Isra­el (16. Janu­ar 2025): Hamas lea­der touts ceas­e­fi­re as a defeat for Isra­el while hai­ling Oct. 7 atro­ci­ties. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  19. Free­dom House (2025): Gaza Strip. Free­dom in the World 2025. Online ver­füg­bar unter: LINK (archiviert) ↩︎
  20. Meir Lit­vak: Mar­tyr­dom is Life. Jihad and Mar­tyr­dom in the Ideo­lo­gy of Hamas (PDF). Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎