Entstehung und Wurzeln
Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) ist die größte islamistische Organisation Deutschlands. Von ihrer Kölner Zentrale aus kontrolliert und leitet sie ein weltweites Moscheen- und Vereinsnetzwerk, das von Japan und Australien über die Türkei und Europa bis in die USA und nach Kanada reicht. Die IGMG ist überall aktiv, wo türkische Muslime leben. Sie wird von Verfassungsschutzbehörden der Milli-Görüs-Bewegung (MGB) zugerechnet und unterliegt unter anderem in NRW der nachrichtendienstlichen Beobachtung.
Ihre ideologischen Wurzeln hat sie in den 1930er- und 40er-Jahren in der Türkei. Nachdem Mustafa Kemal, genannt Atatürk, 1924 das Kalifat abschaffte und die einst mächtigen religiösen Kräfte zurückdrängte, formierte sich in den verbotenen, aber im Untergrund weiter aktiven Sufi-Orden der Widerstand gegen den Kemalismus. Vor allem dem mächtigen Naqschibandi-Orden und seinem weitverzweigten Netzwerk gelang es, den Widerstand gegen die verhasste laizistische Republik aufzubauen und voranzutreiben – intellektuell wie organisatorisch.
Das kemalistische Modernisierungsparadigma betrachtete man als Entfremdung von der eigenen Kultur. Die Anlehnung an den Westen sei schuld am moralischen Verfall sowie an der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Schwäche der Türkei. Die »Rückkehr zum Selbst«, zum wahren Islam, wurde zur Kernforderung der späteren Milli Görüş. Der Islam wurde zum identitären Moment der Bewegung, die Re-Islamisierung der Türkei zu ihrem zentralen Ziel. Wohin das führte, zeigt sich aktuell in der Türkei unter Erdoğan, dem politischen Ziehsohn des Milli-Görüş-Gründers Necmettin Erbakan.
Necmettin Erbakan und die İskenderpaşa-Gemeinde
Erbakan (1926–2011) war Schüler des Naqschibandi-Scheichs Abdülaziz Bekkine in Istanbul, der in den 1940er-Jahren einen halb-klandestinen Kreis von Schülern um sich versammelt hatte. Benannt nach der Moschee, in der sie ihre Treffen abhielten, wurde die Gruppe bald als İskenderpaşa-Gemeinde bekannt. Aus ihr sollte die Milli-Görüş-Bewegung hervorgehen.
Als Erbakan 1971 die erste Milli-Görüş-Partei gründete, geschah dies mit ausdrücklicher Genehmigung des Nachfolgers von Scheich Bekkine, Scheich Mehmet Zahid Kotku. Der halb-klandestine Islamistenzirkel wagte mit der Milli Nizam Partisi (»Nationale Ordnungspartei«) den Schritt in die Öffentlichkeit. Sie wurde nach nur einem Jahr verboten, ihre Mitglieder reagierten darauf im Oktober 1972 mit der Gründung der Milli Selamet Partisi (»Nationale Heilspartei«).
Sprache und Symbolik der Partei
Bereits die Namensgebung der Milli-Görüş-Parteien machte deren religiös-politischen Anspruch nach außen geltend. Statt geläufiger türkischer Begriffe griff man auf türkisierte arabische Begriffe aus dem religiösen Kontext zurück. Der Begriff nizam etwa ruft – im Gegensatz zum säkularen Begriff düzen – eine religiös geprägte Vorstellung von Gesellschaftsordnung hervor. Das gleiche gilt für den Begriff milli, der häufig mit »national« übersetzt wird, seine Wurzeln aber in den Millets findet, den religiösen (Minderheits-)Gemeinschaften im Osmanischen Reich. National im modernen Sinne würde mit dem Begriff ulusal bezeichnet werden. Auch der Begriff selamet bezieht sich auf eine religiöse Vorstellung von Erlösung und Heil.
Während der folgenden drei Jahrzehnte sollte sich das Schema »Militärintervention – Verbot – kaum verschleierte Neugründung« noch mehrmals wiederholen.
Erste Strukturen in Deutschland
Zur selben Zeit, Anfang der 1970er-Jahre, gründeten Anhänger Erbakans, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, hier die ersten Moscheegemeinden. Diese Strukturen in Deutschland dienten politisch zunächst vor allem der Unterstützung der Mutterpartei in der Türkei. Erst eine jüngere Generation sollte ab Ende der 1980er-Jahre beginnen, ihren Fokus Richtung Europa zu verschieben.
Anfang der 2000er-Jahre kam es zum Bruch zwischen der jungen Garde rund um Erdoğan und dem Gründervater Erbakan. Dabei ging es jedoch nicht um ideologische Fragen, sondern um die Strategie der Bewegung. Die junge Garde war den Zyklus aus Parteiverbot und Neugründung leid. Ihr Ziel war eine Volkspartei, die die islamistischen Dogmen nicht mehr so offen zeigt, um neuerlichen Verboten zu entgehen.
Während Erbakan 2001 die Saadet Partisi (»Glückseligkeitspartei«) gründete, ging die junge Garde mit der AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, also »Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung«) an den Start und errang bereits bei den nächsten Wahlen 2002 einen Erdrutschsieg.
Die IGMG-Führung in Deutschland blieb jedoch die nächsten zehn Jahre treu an der Seite Erbakans, während unter den Mitgliedern – analog zur Türkei – eine Absetzbewegung Richtung AKP zu beobachten war. Erst mit dem Tod Erbakans im Jahr 2011 konnte die Spaltung aufgehoben werden. Die IGMG steht seither weitgehend geschlossen an der Seite von AKP und Erdoğan.
Die drei Säulen der Ideologie
Die von Erbakan geschaffene Ideologie, die von der IGMG bis heute geteilt wird, umfasst drei Säulen:
- Islamismus: Ziel ist eine islamisierte Welt unter einem osmanischen Kalifat. Damit verbunden ist eine tiefe Abneigung gegenüber dem Westen, gegenüber den USA und der EU, in der Erbakan ein »Konstrukt der Zionisten« sah, ein »Mittel zur Sicherung der Weltherrschaft der Juden«.
- Neo-Osmanismus: Die Idee der Wiedererrichtung des Osmanischen Reichs wird als türkisch-islamische Synthese aufgegriffen.
- Antisemitismus: Dieser zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Denken Erbakans. An tatsächlich allem seien angeblich die Juden schuld. Nachdem Erbakans Plan scheiterte, in den 1950er-Jahren eine türkische Motoren- und Autofabrik (Gümüş Motor) aufzubauen, war daran – so wird es noch heute innerhalb der Milli Görüş erzählt – ein Jude schuld, der den industriellen Aufschwung der Türkei habe verhindern wollen. Noch im Jahr vor seinem Tod sagte Erbakan in einem Interview mit der WELT: »Seit 5700 Jahren regieren Juden die Welt. Es ist eine Herrschaft des Unrechts, der Grausamkeit und der Gewalt.«
Spaltungen und Reorganisation in Deutschland
In den 1980er-Jahren radikalisierte sich ein großer Teil der deutschen Milli Görüş in der von der iranischen Revolution inspirierten Kalifatsbewegung von Cemaleddin Kaplan. Beim Bruch zwischen der Kalifatsbewegung und der Milli Görüş, die damals noch den Namen Islamische Union trug, schlossen sich im Jahr 1983 rund zwei Drittel der Milli-Görüş-Moscheegemeinden der Kalifatsbewegung an. Der Islamischen Union drohte der Bedeutungsverlust.
Daraufhin unternahm die Milli Görüş in Deutschland eine Reorganisation. Seit 1995 verfügt sie über zwei Standbeine: die IGMG als religiös-politische Organisation und die Europäische Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft (EMUG), in der das gesamte Immobilienvermögen verwaltet wird. Diese Struktur findet sich in ähnlicher Form in allen Ländern, in denen die IGMG tätig ist.
Beziehungen zur Muslimbruderschaft
Ende der 1980er-Jahre intensivierten sich die Beziehungen zur europäischen Muslimbruderschaft. In der Diaspora entdeckte man sozusagen die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, neu. Ibrahim el-Zayat, eine der zentralen Figuren der Muslimbruderschaft in Europa, war jahrelang Generalbevollmächtigter der EMUG. Der Jugendverband der IGMG ist Mitglied im Forum of European Muslim Youth and Student Organizations (FEMYSO), dem Jugend- und Studentenverband der Muslimbruderschaft. IGMG-Mitglieder werden am Institut Européen des Sciences Humaines (IESH) (»Europäisches Institut für Geisteswissenschaften«) bei Château-Chinon ausgebildet, und ein Vertreter der IGMG sitzt im von der Muslimbruderschaft gegründeten europäischen Fatwa-Rat.
Die Beerdigung Erbakans 2011 in der Türkei war ein Stelldichein hochrangiger internationaler Vertreter der Muslimbruderschaft, der Milli Görüş, der Saadet Partisi und der AKP, an der auch Erdoğan persönlich teilnahm. Unter den Gästen befanden sich etwa Rached al-Ghannouchi, Führer der tunesischen Muslimbruderschaft, Yusuf Nada, ein in der Schweiz lebender Funktionär der Bruderschaft, Saad Katatni, Mitglied des Führungsrates der Bruderschaft in Ägypten, der schon erwähnte Ibrahim el-Zayat und Ayman Ali. Letzterer leitete in Graz die Liga Kultur, eine Organisation aus dem Netzwerk der Bruderschaft, und war gleichzeitig Generalsekretär der europäischen Dachorganisation der Muslimbruderschaft, der Federation of Islamic Organisations in Europe (FIOE).
Was macht die IGMG zu einer problematischen Organisation?
Zunächst ist ihre Ideologie zu nennen, die islamistisch und antisemitisch ist. Bis heute werden am Todestag Erbakans, am 27. Februar, weltweit Gedenkveranstaltungen von der IGMG organisiert. Erbakan wird organisationsintern wie ein Heiliger verehrt.
Über den Buchhandel der IGMG, Plural Publications, werden neben Werken Erbakans auch eine ganze Reihe von hagiographischen Büchern über Erbakan vertrieben. Titel wie »Erbakan – Der verehrte Vorsitzende«, »Erbakan – Die erste Blume des Frühlings« oder »Erbakan – Der Lehrer von allen« lassen nicht auf eine kritische Auseinandersetzung mit Erbakan und seinem islamistischen und antisemitischen Erbe schließen.
Hinzu kommt die enge Anbindung an die türkische Regierung und die Regierungspartei AKP, aber auch an die noch immer existierende Saadet Partisi. Manche hochrangigen Vertreter der IGMG, wie etwa der ehemalige Generalsekretär Mustafa Yeneroğlu (2014–2015), setzen ihre Karriere als Abgeordnete der AKP im türkischen Parlament fort. AKP-Politiker machen in Deutschland mit Unterstützung durch die IGMG Wahlwerbung für die AKP. Spitzenpersonal der IGMG ist regelmäßig zu Gast beim türkischen Präsidenten Erdoğan und nahm an Wahlveranstaltungen der AKP teil.
Zu den Verbindungen der Milli Görüş zur türkischen Regierung unter Erdoğan gehören auch jene zum 2010 gegründeten Präsidium für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften (YTB) und zur staatlichen Religionsbehörde Diyanet.
In der Türkei selbst hat unter Erdoğan eine schleichende, aber sichtbare Islamisierung von Staat und Gesellschaft eingesetzt. Angefangen bei der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, die ursprünglich unter Mustafa Kemal eingeführt wurde, um die Religion zu kontrollieren. Unter Erdoğan wurde sie – und das ist für Deutschland relevant, weil es neben der IGMG auch den größten Moscheeverband, die DITIB, betrifft – nach und nach von der Milli Görüş übernommen. Der aktuelle Präsident der Diyanet, Ali Erbaş, ist wie Erdoğan ein Mann der Milli Görüş. Nicht erst in den vergangenen zwei Jahren seit dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 fielen beide immer wieder durch extrem antisemitische Aussagen auf.
Strukturen und Einfluss in Deutschland
Wie erwähnt, befindet sich in Köln die Weltzentrale der IGMG. Von hier werden 520 Moscheen weltweit gesteuert – 323, also drei Fünftel davon, befinden sich in Deutschland. Hinzu kommen Frauen‑, Jugend‑, Schüler‑, Bildungs‑, Kultur- und Sportvereine. Insgesamt bietet die IGMG ihre Dienstleistungen in 2.330 Zweigstellen weltweit an. Aber der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in Deutschland.
Ganze Generationen türkeistämmiger Kinder und Jugendlicher werden mit der islamistischen Ideologie und mit Antisemitismus indoktriniert. Was das bedeutet, konnten wir in einer IGMG-Moschee in Wien beobachten. An die Jugendlichen gewendet sagte der Imam:
»Gehen wir keine Freundschaften mit denjenigen ein, die nichts mit dem Herrn zu tun haben wollen. […] Denn was passiert, wenn man die genießbare Hälfte eines Apfels mit der verfaulten Hälfte eint? Dann saugt der genießbare Teil den Gestank der anderen Hälfte auf und verfault ebenfalls. Daher ist äußerste Vorsicht geboten, werte Jugendliche.«
Wir können davon ausgehen, dass wir – die wir hier heute im Willy-Brandt-Haus versammelt sind – von der IGMG als faulige Hälfte des Apfels betrachtet werden.
Handlungsoptionen: Was tun?
Zu den Handlungsoptionen des deutschen Staates sollte prioritär gehören: Keine Fördermittel an eine Organisation wie die IGMG und keine Zusammenarbeit staatlicher Stellen, die zu ihrer Legitimierung und Stärkung ihrer politischen Einflussmöglichkeiten beiträgt. Das heißt unter anderem: Keine Staatsverträge mit dem Verbandsislam (wie in Hamburg), sofern er nicht zweifelsfrei auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht.
Darüber hinaus ist es dringend notwendig, dass in Deutschland eine Forschungsstelle zum Politischen Islam eingerichtet wird (vgl. zu Österreich dokumentationsstelle.at). Die Bundesrepublik Deutschland hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem Zentrum des Politischen Islams und seiner Organisationen in Europa entwickelt. Dennoch fehlt es bis heute an Institutionen, die diesen Phänomenbereich systematisch untersuchen und die Ergebnisse der Öffentlichkeit für den politischen Willensbildungsprozess zur Verfügung stellen.
Ein weiteres Problem ist der mangelnde Wissensstand politischer Entscheidungsträger. Es gibt die Tendenz, dass Verfassungsschutzbehörden Namen verfassungsfeindlicher Organisationen und Entwicklungen im islamistischen Spektrum nicht mehr so konkret benennen wie früher. Zudem entsteht der Eindruck, dass fundierte Verfassungsschutzberichte von der Politik und den Verwaltungen auf den Ebenen von Bund, Ländern und Kommunen – aber auch von weiteren Akteuren wie Hochschulen, Kirchen und Sportverbänden – nicht wahrgenommen werden. Anders wäre der kontinuierliche Kontakt ihrer Vertreter mit vom Verfassungsschutz beobachteten Organisationen und sogar mit Akteuren aus den Netzwerken verbotener Organisationen kaum erklärbar.
Die Politik sollte alles daransetzen, dass Deutschland nicht zu einem Eldorado für legalistisch arbeitende islamistische Organisationen wird. Denn deren Vertreter sind keine Demokraten, sondern verfolgen konsequent das Ziel, Muslime zu radikalisieren und von den freien, pluralistischen und demokratischen Gesellschaften des Westens zu entfremden.
Wie ernst diese Gefahr ist, sei anhand von programmatischen Aussagen zweier führender Ideologen verdeutlicht:
- Yusuf al-Qaradawi, bis zu seinem Tod 2022 einer der wichtigsten Vordenker der Muslimbruderschaft, erklärte: »Einer der größten Erfolge unserer Organisation war es, für die islamkonforme Erziehung ganzer Generationen gesorgt zu haben.«
- Der türkische Präsident Erdoğan sprach offen vom Ziel, eine »fromme Generation« heranzuziehen.
Fazit: Wenn die Menschen in Deutschland und in Europa zukünftig in freien Gesellschaften leben wollen, müssen sie den Plänen politisch-islamischer Ideologen wie der IGMG in mehreren Bereichen entschieden entgegentreten – politisch, rechtlich, wissenschaftlich und gesellschaftlich.
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