Die Mus­lim­bru­der­schaft und ihre Netz­wer­ke

Sebastian Schnelle berichtet auf hpd.de über die Veranstaltung des AK Polis im Willy-Brandt-Haus »Die Muslimbruderschaft (MB) – Agenda, Strukturen und politische Antworten«. Ziel war die Information von Mandats- und Funktionsträgern der SPD.

Am Frei­tag den 12. Sep­tem­ber 2025 tra­fen sich Fach­leu­te, Poli­tik und Medi­en zu einer Ver­an­stal­tung des Arbeits­kreis Poli­ti­scher Islam (AK Polis) im Wil­ly-Brandt-Haus in Ber­lin. Vor­ge­stellt wur­de der fran­zö­si­sche Sach­buch-Best­sel­ler »Kali­fat nach Plan. Fré­ris­mus und sei­ne Netz­wer­ke in Euro­pa« von Dr. Flo­rence Ber­geaud-Black­ler, die die Key­note hielt. Das Buch wur­de vor zwei Jah­ren in Frank­reich ver­öf­fent­licht und liegt nun auch in deut­scher Über­set­zung vor. Das Buch unter­sucht den Ein­fluss der ursprüng­lich in Ägyp­ten gegrün­de­ten Mus­lim­bru­der­schaft in Euro­pa und der Welt.

Laut Ber­geaud-Black­ler han­delt es sich bei der Ideo­lo­gie der Mus­lim­bru­der­schaft (MB), die sie »Fré­ris­mus« nennt, um eine Form des refor­mis­ti­schen Sala­fis­mus, dem am Ende sein Ziel, die Errich­tung eines welt­wei­ten Kali­fats, wich­ti­ger sei, als die geleb­te Pra­xis, was zu einer Anpas­sungs­fä­hig­keit auch in säku­la­ren, west­li­chen Gesell­schaf­ten füh­re. Grund­sätz­lich dür­fe man nicht den Feh­ler machen, den Islam für eine Art »Chris­ten­tum der Ara­ber« zu hal­ten, so Ber­geaud-Black­ler, da die­ser eine Aus­rich­tung auf sowohl Dies­seits, als auch Jen­seits hät­te. Ziel des Fré­ris­mus sei es, die Gesell­schaft als gan­ze Scha­ria-kon­form zu machen, was aber nicht bedeu­te, dass des­we­gen alle Indi­vi­du­en nach der Scha­ria zu leben hät­ten. Dazu habe die MB einen kla­ren Plan, der aus vier Schrit­ten bestehe: die Bevöl­ke­rung demo­ra­li­sie­ren, die Gesell­schaft desta­bi­li­sie­ren, eine Kri­se aus­zu­lö­sen und aus die­ser Kri­se eine neue Ord­nung zu schaf­fen. Ein­fluss erhofft die MB sich nicht als Mas­sen­be­we­gung, son­dern über eine sala­fis­ti­sche Eli­te, wobei sie eine stra­te­gi­sche Alli­anz mit der poli­ti­schen Lin­ken ein­ge­he, da sie an deren Kon­zep­te zumin­dest ober­fläch­lich gut ando­cken kön­ne. Die MB bedie­ne sich dabei pro­gres­si­ver Spra­che, zum Bei­spiel, wenn es um angeb­li­che Anti-Dis­kri­mi­nie­rung gehe, nut­ze die­se aber rein stra­te­gisch. Ihren Vor­trag been­de­te Ber­geaud-Black­ler damit, mehr kri­ti­sche For­schung zu for­dern und Jour­na­lis­ten auf­zu­for­dern, genau­er hin­zu­schau­en.

In den fol­gen­den Panel­dis­kus­sio­nen, kamen ver­schie­de­ne, vom AK Polis ein­ge­la­de­ne Fach­ex­per­ten zu Wort. PD Dr. Sebas­ti­an Elsäs­ser, Lei­ter des DFG-Pro­jekts »Gene­ra­tio­nen des isla­mi­schen Akti­vis­mus« an der Chris­ti­an-Albrechts-Uni­ver­si­tät Kiel, berich­te­te über die Bekämp­fung der Mus­lim­bru­der­schaft in ara­bi­schen Län­dern, wo MB und Regie­run­gen häu­fig in Kon­kur­renz um den kon­ser­va­ti­ven Main­stream-Islam der gesell­schaft­li­chen Mit­te stän­den. Der Islam gel­te in die­sen nicht säku­lar orga­ni­sier­ten Län­dern ganz selbst­ver­ständ­lich als gesell­schaft­li­cher Kitt. Die Reli­gi­ons­vor­stel­lun­gen der MB wür­den des­halb in ara­bi­schen Län­dern auch als Sys­tem­kri­tik ver­stan­den. Getra­gen wer­de die MB übli­cher­wei­se weder von den Eli­ten, noch von der Unter­schicht, son­dern von Men­schen mit Auf­stiegs­am­bi­tio­nen aus der unte­ren Mit­tel­schicht, oft aus länd­lich gepräg­ten Gebie­ten.

Nina Scholz, Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin, Autorin von unter ande­rem »Alles für Allah: Wie der Poli­ti­sche Islam unse­re Gesell­schaft ver­än­dert«, berich­te­te über Ideo­lo­gi­sche Ver­bin­dun­gen: MB, Hamas und Juden­hass. Sie erin­ner­te dar­an, dass es sich bei der MB um die größ­te und ein­fluss­reichs­te Orga­ni­sa­ti­on des Poli­ti­schen Islam welt­weit han­de­le, deren Uto­pie, die Wie­der­errich­tung des Kali­fats und eine welt­wei­te Domi­nanz des Islam sei. Dazu habe die MB auch eine kon­kre­te Stra­te­gie zur Infil­tra­ti­on, ins­be­son­de­re auch west­li­cher Gesell­schaf­ten, ent­wi­ckelt. Aus­drück­lich wies Scholz dar­auf hin, dass die MB eine Demo­kra­ti­sie­rung als Angriff auf den Kern des Islam dar­stel­le. Die Ursprün­ge des Anti­se­mi­tis­mus der MB und ihres paläs­ti­nen­si­schen Able­gers Hamas las­sen sich dabei bis in die 1920er Jah­re zum NS-Kol­la­bo­ra­teur al-Huss­ei­ni zurück­ver­fol­gen. Die­ser lei­te­te Angrif­fe auf auto­chtho­ne jüdi­sche Gemein­den, wäh­rend es gleich­zei­tig Pogro­me in Ägyp­ten gab, die von der MB ange­sta­chelt wur­den. Bei­des wider­le­ge die The­se, dass der Anti­se­mi­tis­mus von MB und Hamas etwas mit »Sied­ler­ko­lo­nia­lis­mus« zu tun hät­ten.

Des Wei­te­ren refe­rier­te Scholz über die Per­son und Posi­tio­nen Yus­uf al-Qara­da­wis, des 2022 ver­stor­be­nen, meist­ge­se­he­nen Fern­seh­pre­di­gers der ara­bi­schen Welt. Die­ser bezeich­ne­te den Holo­caust als Stra­fe Got­tes an den Juden durch Hit­ler, wel­che »nächs­tes Mal durch die Hand der Gläu­bi­gen« ver­übt wer­den soll­te. Qara­da­wis Bücher sei­en in allen Moscheen der MB käuf­lich erwerb­lich, auch in Deutsch­land, und lägen auf Ara­bisch, Tür­kisch und Deutsch vor. Ihren Vor­trag been­de­te Scholz mit der For­de­rung, isla­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen, auch sol­chen des lega­lis­ti­schen Isla­mis­mus, alle För­der­gel­der zu ent­zie­hen. Wei­ter­hin for­der­te sie die Poli­tik auf, jeg­li­che Zusam­men­ar­beit zu mei­den und statt­des­sen Lehr­stüh­le und Doku­men­ta­ti­ons­stel­len zu finan­zie­ren. Ein wei­te­res wich­ti­ges Ele­ment im Kampf gegen den lega­lis­ti­schen Isla­mis­mus sei­en ins­be­son­de­re auch Unver­ein­bar­keits­be­schlüs­se poli­ti­scher Par­tei­en.

Den nächs­ten Vor­trag hielt der inves­ti­ga­ti­ve Jour­na­list und Fil­me­ma­cher, Sascha Ada­mek, Autor u.a. des Buches »Scha­ria-Kapi­ta­lis­mus: Den Kampf gegen unse­re Frei­heit finan­zie­ren wir selbst«. Er refe­rier­te über »Ber­lin – Pro­to­typ erfolg­rei­cher MB-Unter­wan­de­rung«. Aus­ge­hend vom Fall­bei­spiel der Neu­köll­ner Begeg­nungs­stät­te, ver­wies er dar­auf, dass es die Bericht­erstat­tung unab­hän­gi­ger Medi­en schwä­che, wenn der Ver­fas­sungs­schutz MB-nahe Ver­ei­ne nicht mehr als sol­che benen­ne, da man so angreif­ba­rer für Kla­gen sei. Außer­dem ver­wies er dar­auf, dass Ber­lin Katar bei der Finan­zie­rung isla­mis­ti­scher Struk­tu­ren inzwi­schen Kon­kur­renz mache.

Ähn­li­ches trug Dr. Cars­ten Frerk, Lei­ter der For­schungs­grup­pe Welt­an­schau­un­gen in Deutsch­land (fowid) vor, der über Erkennt­nis­se und blin­de Fle­cken zur CLA­IM-Alli­anz refe­rier­te. Er zeich­ne­te deren Weg von der Grün­dung des Ins­san e.V. 2002 über JUMA (jung, mus­li­misch, aktiv) bis 2018 zur Grün­dung der CLA­IM-Alli­anz nach. Beson­ders auf­fäl­lig war die Betei­li­gung eines sehr engen Per­so­nen­krei­ses, des­sen bekann­tes­tes Mit­glied Saw­san Che­b­li, ehe­ma­li­ge poli­ti­sche Beam­tin (SPD) und Staats­se­kre­tä­rin in der Ber­li­ner Senats­kanz­lei dar­stellt. Ins­be­son­de­re über einen Besuch von Akti­ven in den USA bei MB-nahen Orga­ni­sa­tio­nen lie­ße sich auch ein­deu­tig ein Bezug zur MB her­stel­len, bei dem Che­b­li jedoch nicht anwe­send war. Ein Anlie­gen von CLAIM, so Frerk, sei die Eta­blie­rung von »anti-mus­li­mi­schem Ras­sis­mus« als Kampf­be­griff um Deu­tungs­ho­heit.

Der fol­gen­de Vor­trag über Mus­li­men­feind­lich­keit und Que­er­feind­lich­keit der MB von Tugay Saraç, Pro­jekt­lei­ter der Anlauf­stel­le Islam und Diver­si­ty (AID) an der Ibn-Rushd-Goe­the-Moschee in Ber­lin stell­te die Fra­ge, wie es sein kann, dass es Ver­ei­nen wie DITIB und der Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­lî Görüş gelun­gen sei, mit der Poli­tik an einen Tisch zu kom­men, der der AfD zu recht kon­se­quent ver­wei­gert wird. Er berich­te­te über Que­er­feind­lich­keit in der mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ty und den Unwil­len der mus­li­mi­schen Ver­bän­de, die­se auch nur zu benen­nen. Er been­de­te sei­nen Vor­trag mit dem Auf­ruf an die Poli­tik, nicht auf die fal­schen Part­ner zu set­zen.

Anschlie­ßend refe­rier­te Sig­rid Her­mann, Betrei­be­rin des Watch­blogs »Isla­mis­mus und Gesell­schaft«, dar­über, was man zum The­ma Mus­lim­bru­der­schaft und »Isla­mic Reli­ef« wis­sen soll­te.

Hei­ko Hei­nisch, vom wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat der Doku­men­ta­ti­ons­stel­le Poli­ti­scher Islam, die gera­de erst ihren Jah­res­be­richt 2024 ver­öf­fent­licht hat­te, sprach über die Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­lî Görüş (IGMG). Er erin­ner­te dar­an, dass es sich um die größ­te isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on in Deutsch­land hand­le, deren Netz­werk sich welt­weit von »Japan bis USA und Kana­da« erstre­cke. Ent­stan­den aus der Ableh­nung der kema­lis­ti­schen Moder­ni­sie­rung der Tür­kei, sei sie heu­te »die Moschee-Gemein­de der AKP«, deren Ziel es sei, ein osma­ni­sches Kali­fat zu errich­ten. Es bestehe jedoch bereits seit den 1980er Jah­ren ein Kon­takt zwi­schen IGMG und MB, die sich in der Dia­spo­ra auf die Ummah, als gemein­sa­men Nen­ner eini­gen könn­ten.

Abge­run­det wur­de die Ver­an­stal­tung durch einen Vor­trag von Hart­mut Licht, Kri­mi­no­lo­ge und Lei­ten­der Regie­rungs­di­rek­tor a.D. des Lan­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz in Ham­burg. Er refe­rier­te über Ver­eins­ver­bo­te als Instru­ment und sprach über Hür­den und Wirk­sam­keit. Er beton­te, dass Art. 9 GG die Ver­samm­lungs­frei­heit schon immer mit Gren­zen ver­se­hen hät­te, deren Hür­den aber zu Recht hoch lägen. Auch hät­ten nach­rich­ten­dienst­li­che Behör­den immer einen Spa­gat zwi­schen Quel­len­schutz und Offen­le­gung zu bewäl­ti­gen. Ins­ge­samt gäbe es Bei­spie­le, wo ein Ver­bot eher als Erfolg gewer­tet wer­den kön­ne, z.B. das Ver­bot des Isla­mi­schem Zen­trums Ham­burg, und sol­che, die nicht als Erfolg gewer­tet wer­den könn­ten. In letz­te­rem Fall erwähnt er aus­drück­lich das geschei­ter­te Com­pact-Ver­bot als Mahn­mal. Auch Licht betont die Not­wen­dig­keit, sei­tens der Poli­tik Kon­tak­te zu ver­mei­den und Geld­flüs­se zu stop­pen. Den wich­tigs­ten Hebel gegen lega­lis­ti­sche Ver­fas­sungs­fein­de, und er betont: »Es sind Ver­fas­sungs­fein­de«, sieht Licht jedoch in einer auf­ge­klär­ten Zivil­ge­sell­schaft.

Zusam­men­fas­send kann man sagen, dass dem Arbeits­kreis Poli­ti­scher Islam (AK Polis) eine höchst infor­ma­ti­ve Ver­an­stal­tung gelun­gen ist, die hoch­ka­rä­ti­ge Fach­ex­per­ten ver­sam­meln konn­te. Es bleibt zu hof­fen, dass die Rat­schlä­ge der Exper­ten auch ihren Weg in die offi­zi­el­le Poli­tik der Par­tei­en fin­den. Das Wil­ly-Brandt-Haus als Ver­an­stal­tungs­ort war dafür schon ein­mal ein Ort, der Hoff­nung macht.

Sebas­ti­an Schnel­le

Ver­öf­fent­licht am 16. Sep­tem­ber 2025 im hpd (archi­viert)

Alle Fotos: Phil­ip Schun­ke / AK Polis (public domain)

You­Tube-Play­list mit neun Vor­trag­vi­de­os