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Ver­eins­ver­bot als Instru­ment – Hür­den und Wirk­sam­keit

Dieser Beitrag von Hartmut Licht ist Teil des Dossiers zur Dokumentation der Veranstaltung »Die Muslimbruderschaft (MB) – Agenda, Strukturen und politische Antworten« am 12. September 2025 im Willy-Brandt-Haus in Berlin.
Hartmut Licht ist Kriminologe und war bis 2025 rund 46 Jahre in verschiedenen Funktionen beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und beim Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg tätig. Zuletzt leitete er die Auswertung.

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Vor­be­mer­kun­gen

Die For­de­rung eines Ver­bots zur Bekämp­fung extre­mis­ti­scher Ver­ei­ni­gun­gen wie etwa Ver­ei­ne oder Par­tei­en ist ver­lo­ckend und schnell erho­ben. Gefähr­dun­gen des demo­kra­ti­schen Rechts­staats könn­ten – so die ver­brei­te­te Auf­fas­sung – mit einem ein­zi­gen und ent­schie­de­nen Rechts­akt besei­tigt wer­den. Dies ist jedoch ein Trug­schluss. In sol­chen Dis­kus­sio­nen wer­den zum einen die hohen recht­li­chen Hür­den ver­kannt. Zum ande­ren bleibt die Fra­ge unbe­ant­wor­tet, wel­che Ursa­chen die extre­mis­ti­sche Ver­ei­ni­gung her­vor­ge­bracht haben; mög­li­che nega­ti­ve Fol­gen eines Ver­bots wer­den häu­fig nicht bedacht. Ver­bo­te sind die ulti­ma ratio des Rechts­staats und müs­sen daher mit Bedacht ein­ge­setzt wer­den.

Die Phi­lo­so­phie der streit­ba­ren Demo­kra­tie

Um die hohen Anfor­de­run­gen an ein Ver­bots­ver­fah­ren zu ver­ste­hen, ist ein Blick in die deut­sche Geschich­te unum­gäng­lich. Das Grund­ge­setz wur­de bewusst – vom Auf­bau bis hin zu Details – als kon­kre­ter Gegen­ent­wurf zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Schre­ckens­herr­schaft kon­zi­piert, um eine Wie­der­ho­lung die­ses Unrechts zu ver­hin­dern (BVerfG 2009, Rn. 65). Die Ver­fas­sung der Wei­ma­rer Repu­blik hat­te sich als nicht streit­bar genug erwie­sen, um zum einen den Angriff extre­mis­ti­scher Bestre­bun­gen auf die Demo­kra­tie erfolg­reich abzu­weh­ren und zum ande­ren zu ver­hin­dern, dass die Natio­nal­so­zia­lis­ten das damals bestehen­de Recht von Beginn an radi­kal nutz­ten, eben die­se Demo­kra­tie zu besei­ti­gen. Die Wei­ma­rer Ver­fas­sung sah kei­ne expli­zi­ten Ver­bots­nor­men für staats­feind­li­che Ver­ei­ni­gun­gen vor. Art. 124 Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV) gewähr­leis­te­te Ver­ei­ni­gungs­frei­heit; sie konn­te jedoch nur auf Grund­la­ge von Not­ver­ord­nun­gen des Reichs­prä­si­den­ten gemäß Art. 46 Abs. 2 WRV ein­ge­schränkt und Ver­ei­ni­gun­gen ver­bo­ten wer­den (Gusy 2009). Hier­von wur­de nur in eini­gen Fäl­len halb­her­zig Gebrauch gemacht, etwa bei zeit­lich und räum­lich begrenz­ten Ver­bo­ten der NSDAP‑Teilgliederungen »Sturm­ab­tei­lung« (SA) und »Schutz­staf­fel« (SS). Hit­ler hin­ge­gen nutz­te die­se Rechts­grund­la­ge rück­sichts­los aus, um poli­ti­sche Par­tei­en und ande­re Ver­ei­ni­gun­gen zu ver­bie­ten und letzt­lich sei­ne Schre­ckens­herr­schaft zu eta­blie­ren.

Von daher kon­zi­pier­ten die Müt­ter und Väter des Grund­ge­set­zes die nie­der­ge­leg­ten Menschen‑ und Bür­ger­rech­te in ers­ter Linie als Abwehr­rech­te für den Bür­ger gegen­über dem Staat, sahen aber gleich­wohl Schutz­me­cha­nis­men gegen ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen vor. Die­ser Grund­ge­dan­ke strahlt auch unmit­tel­bar auf die Kautelen eines Ver­eins­ver­bots aus.

Recht­li­che Bedin­gun­gen eines Ver­eins­ver­bots

Art. 9 Abs. 1 GG räumt allen Deut­schen das Recht ein, Ver­ei­ne und Gesell­schaf­ten zu bil­den. Absatz 2 erklärt hin­ge­gen ein­schrän­kend, dass »Ver­ei­ni­gun­gen, deren Zwe­cke oder deren Tätig­keit den Straf­ge­set­zen zuwi­der­lau­fen oder die sich gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung oder gegen den Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung rich­ten«, ver­bo­ten sind. Da in Grund­rech­te nur auf­grund eines Geset­zes ein­ge­grif­fen wer­den darf, regelt das Ver­eins­ge­setz (Ver­einsG) Nähe­res über Form, Inhalt und Zustän­dig­keit eines Ver­bots­ver­fah­rens.

Im Rah­men die­ses Papiers wer­den die Kautelen eines Ver­bots nur schlag­licht­ar­tig beleuch­tet. Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen rekur­rie­ren auf eine Aus­ar­bei­tung der Wis­sen­schaft­li­chen Diens­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges (Deut­scher Bun­des­tag 2021) und zitie­ren die­sen Bericht aus­zugs­wei­se.

Ver­eins­be­griff

Der Ver­eins­be­griff umfasst »ohne Rück­sicht auf die Rechts­form jede Ver­ei­ni­gung, zu der sich eine Mehr­heit natür­li­cher oder juris­ti­scher Per­so­nen für län­ge­re Zeit zu einem gemein­sa­men Zweck frei­wil­lig zusam­men­ge­schlos­sen und einer orga­ni­sier­ten Wil­lens­bil­dung unter­wor­fen hat« (§ 2 Abs. 1 Ver­einsG). Der Begriff umfasst dem­nach auch Ver­ei­ni­gun­gen, die nicht for­mell als Ver­ein orga­ni­siert sind.

Zustän­dig­keit

Zustän­dig für ein Ver­bot sind die Innen­mi­nis­te­ri­en des Bun­des und der Län­der. Bei län­der­über­grei­fen­den Ver­ei­ni­gun­gen ist grund­sätz­lich das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern zustän­dig (§ 3 Abs. 2 S. 1 Nr. 1 und 2 Ver­einsG).

Schrift­form des Ver­bots

Es bedarf einer schrift­li­chen Ver­bots­ver­fü­gung, in der die ver­fas­sungs­wid­ri­ge Tätig­keit aus­ge­führt wird (§ 3 Abs. 1 S. 1 Ver­einsG). Die Ver­bots­tat­be­stän­de müs­sen jeweils durch die Bestre­bun­gen des Ver­eins als Gan­zes erfüllt sein – unab­hän­gig von der Ein­stel­lung ein­zel­ner Anhän­ger.

Ver­bots­grün­de nach dem Ver­eins­ge­setz

Nach dem Gesetz zur Rege­lung des öffent­li­chen Ver­eins­rechts (Ver­einsG) zäh­len zu den Ver­bots­grün­den gemäß § 3 Abs. 1 unter ande­rem:

  • Ver­stoß gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung: Dies umfasst nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vor allem die Ach­tung vor den im Grund­ge­setz ver­an­ker­ten Men­schen­rech­ten sowie das demo­kra­ti­sche Prin­zip mit der Ver­ant­wort­lich­keit der Regie­rung, das Mehr­par­tei­en­prin­zip und das Recht auf ver­fas­sungs­ge­mä­ße Bil­dung und Aus­übung einer Oppo­si­ti­on. Wich­tig ist dabei: Für ein Ver­bot genügt es nicht, die­se Ord­nung ledig­lich abzu­leh­nen und ihr Gegen­ent­wür­fe gegen­über­zu­stel­len. Die Ver­ei­ni­gung muss ihre ver­fas­sungs­feind­li­chen Zie­le in kämpferisch‑aggressiver Wei­se ver­wirk­li­chen wol­len. Dies ist der Fall, wenn sie beab­sich­tigt, die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung fort­lau­fend zu unter­gra­ben.
  • Ver­stoß gegen die Völ­ker­ver­stän­di­gung: Die Völ­ker­ver­stän­di­gung umfasst auch das fried­li­che Zusam­men­le­ben der Völ­ker. Hier­zu zählt das Ver­bot, die (teil­wei­se) Zer­stö­rung natio­na­ler, eth­ni­scher, ras­si­scher oder reli­giö­ser Grup­pen anzu­stre­ben. Geschützt wird eben­so das fried­li­che Zusam­men­le­ben ver­schie­de­ner Volks­zu­ge­hö­ri­ger in Deutsch­land. Ein Zuwi­der­lau­fen gegen den Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung liegt z. B. vor, wenn das Exis­tenz­recht eines ande­ren Staa­tes ver­neint und zu des­sen gewalt­sa­mer Besei­ti­gung auf­ge­ru­fen wird.

Ver­bot von Aus­län­der­ver­ei­nen

Gemäß § 14 Ver­einsG kön­nen auch Ver­ei­ne ver­bo­ten wer­den, deren Mit­glie­der über­wie­gend oder aus­schließ­lich Aus­län­der sind. Sie kön­nen nicht nur ver­bo­ten wer­den, wenn sie die vor­ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen erfül­len; es tre­ten wei­te­re Grün­de hin­zu. Hier­zu gehö­ren nach § 14 Abs. 2 Ver­einsG Zwe­cke oder Zie­le des Ver­eins,

  • die die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land oder das fried­li­che Zusam­men­le­ben von Deut­schen und Aus­län­dern oder von ver­schie­de­nen Aus­län­der­grup­pen im Bun­des­ge­biet, die öffent­li­che Sicher­heit oder Ord­nung oder sons­ti­ge erheb­li­che Inter­es­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land beein­träch­ti­gen oder gefähr­den (Nr. 1);
  • den völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zuwi­der­lau­fen (Nr. 2);
  • Bestre­bun­gen außer­halb des Bun­des­ge­biets för­dern, deren Zie­le oder Mit­tel mit den Grund­wer­ten einer die Wür­de des Men­schen ach­ten­den staat­li­chen Ord­nung unver­ein­bar sind (Nr. 3);
  • Gewalt­an­wen­dung als Mit­tel zur Durch­set­zung poli­ti­scher, reli­giö­ser oder sons­ti­ger Belan­ge unter­stüt­zen, befür­wor­ten oder her­vor­ru­fen sol­len (Nr. 4), oder
  • Ver­ei­ni­gun­gen inner­halb oder außer­halb des Bun­des­ge­biets unter­stüt­zen, die Anschlä­ge gegen Per­so­nen oder Sachen ver­an­las­sen, befür­wor­ten oder andro­hen (Nr. 5).

Ver­bot von aus­län­di­schen Ver­ei­nen

Recht­lich unter­schei­det das Ver­einsG zwi­schen Aus­län­der­ver­ei­nen (mit Sitz im Inland) und aus­län­di­schen Ver­ei­nen mit Sitz außer­halb Deutsch­lands. Gemäß § 15 Ver­einsG kann auch eine Teil­glie­de­rung eines aus­län­di­schen Ver­eins in Deutsch­land ver­bo­ten wer­den. Ist eine sol­che nicht vor­han­den, kann ein Betä­ti­gungs­ver­bot für Deutsch­land aus­ge­spro­chen wer­den.

Ver­bot reli­giö­ser Ver­ei­ne

Die Ver­bots­vor­aus­set­zun­gen gel­ten für reli­giö­se Ver­ei­ne glei­cher­ma­ßen.

Bedeu­tung die­ser Regu­la­ri­en für die Mus­lim­bru­der­schaft

Die Mus­lim­bru­der­schaft (MB) erfüllt die Vor­aus­set­zun­gen einer Ver­ei­ni­gung im Sin­ne des Art. 9 GG. Sie ist eine auf Dau­er ange­leg­te Ver­ei­ni­gung. Die 1928 gegrün­de­te MB ver­folgt seit­her das Ziel, eine Staats‑ und Gesell­schafts­form zu eta­blie­ren, die sich am isla­mi­schen Recht – der Scha­ria – zu ori­en­tie­ren hat. Dies ist mit der grund­ge­setz­lich ver­brief­ten Volks­sou­ve­rä­ni­tät unver­ein­bar und kol­li­diert mit ande­ren Men­schen­rech­ten. Damit ist eine Ver­fas­sungs­feind­lich­keit gege­ben. Ihre Zie­le ver­sucht die MB durch eine Infil­tra­ti­on des Staat und der Gesell­schaft zu errei­chen (LfV Baden‑Württemberg 2025).

Die in zahl­rei­chen Län­dern prä­sen­te MB unter­hält auch Glie­de­run­gen in Deutsch­land. Das BfV benennt als zen­tra­le Orga­ni­sa­ti­on die »Deut­sche Mus­li­mi­sche Gemein­schaft« (DMG). Auch bei der DMG stellt das BfV Bemü­hun­gen um die Infil­tra­ti­on von Staat und Gesell­schaft fest. Die Zuge­hö­rig­keit zum welt­wei­ten MB‑Netzwerk ergibt sich aus zahl­rei­chen Ver­bin­dun­gen von DMG‑Funktionären zu nam­haf­ten aus­län­di­schen Mus­lim­brü­dern (BfV 2024, S. 245).

In den Aus­künf­ten von Bund und Län­dern auf par­la­men­ta­ri­sche Anfra­gen, in den Jah­res­be­rich­ten ver­schie­de­ner Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den und auch in Publi­ka­tio­nen der Bun­des­zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung (BPB) wer­den wei­te­re MB‑nahe Ver­ei­ni­gun­gen und Moscheen genannt. Bei­spiels­wei­se ist bekannt, dass mit erheb­li­cher Betei­li­gung der MB-nahen Orga­ni­sa­tio­nen Isla­mi­sches Zen­trum Aachen, Isla­mi­sches Zen­trum Mün­chen und des Vor­gän­gers der erwähn­ten DMG im Jahr 1994 der Zen­tral­rat der Mus­li­me in Deutsch­land (ZMD) gegrün­det wur­de (Breuer/BPB 2019). Es ist außer­dem bekannt, dass sowohl Isla­mic Reli­ef Deutsch­land (IRD) in Köln als auch Isla­mic Reli­ef World­wi­de (IRW) im bri­ti­schen Bir­ming­ham seit vie­len Jah­ren über »signi­fi­kan­te per­so­nel­le Ver­bin­dun­gen zur Mus­lim­bru­der­schaft oder ihr nahe­ste­hen­de Orga­ni­sa­tio­nen« ver­füg­ten (Deut­scher Bun­des­tag 2019, Druck­sa­che 19/9415).

Wie im vor­an­ge­gan­ge­nen Kapi­tel dar­ge­legt, unter­schei­det das Ver­bots­re­gime zwi­schen deut­schen Ver­ei­nen, Aus­län­der­ver­ei­nen mit Sitz in Deutsch­land und aus­län­di­schen Ver­ei­nen. Es wäre dem­nach zuerst zu ent­schei­den, ob man die Mus­lim­bru­der­schaft als Gan­zes oder ihre Glie­de­run­gen in Deutsch­land einer Ver­bots­prü­fung unter­zie­hen will. Dies wäre anhand der Erkennt­nis­la­ge und ihrer gericht­li­chen Trag­fä­hig­keit durch die Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den zu prü­fen.

Auch das Ver­bots­merk­mal eines Ver­sto­ßes gegen den Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung könn­te – ange­sichts pro­pa­gan­dis­ti­scher Unter­stüt­zung der Hamas durch MB‑Akteure anläss­lich des ter­ro­ris­ti­schen Über­falls vom 7. Okto­ber 2023 – als erfüllt betrach­tet wer­den (LfV Baden‑Württemberg 2024, S. 147).

Rechts­staat­lich­keit und Ver­fas­sungs­fein­de – Risi­ken eines Ver­bots­ver­fah­rens

Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wäre kein Rechts­staat, wenn die grund­ge­setz­lich ver­an­ker­ten Rech­te nicht auch für Ver­fas­sungs­fein­de gel­ten wür­den. Ein Ver­bots­ver­fah­ren greift tief in die­se Grund­rech­te ein; auch Ver­fas­sungs­fein­den steht gemäß Art. 19 Abs. 4 GG der Gerichts­weg offen. Vor dem Hin­ter­grund der deut­schen His­to­rie (vgl. Nr. 2) lie­gen die Ver­bots­hür­den sehr hoch. Die Bele­ge für eine Ver­fas­sungs­wid­rig­keit müs­sen offen und gericht­lich über­prüf­bar sein und in quan­ti­ta­ti­ver wie qua­li­ta­ti­ver Hin­sicht über­zeu­gen.

Für die Samm­lung von Infor­ma­tio­nen über ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen sind zuvor­derst die Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den des Bun­des und der Län­der zustän­dig (BfV 2025). Dabei darf der Ver­fas­sungs­schutz auch auf nach­rich­ten­dienst­li­che Mit­tel zurück­grei­fen, deren Ergeb­nis­se aus ihrer Natur her­aus zunächst weder offen noch gerichts­ver­wert­bar sind. Nach­rich­ten­diens­te befin­den sich hier in einem Dilem­ma: Zum einen sol­len sie den Ver­bots­be­hör­den belast­ba­res Mate­ri­al für Ver­bots­ver­fü­gun­gen lie­fern; zum ande­ren müs­sen sie ihre Zugän­ge und Metho­den – und damit ihre Arbeits­fä­hig­keit – schüt­zen. Viel­fach wer­den ent­spre­chen­de Infor­ma­tio­nen in Form soge­nann­ter Behör­den­zeug­nis­se mit­ge­teilt, wenn eine gericht­li­che Vor­la­ge der Ori­gi­nal­un­ter­la­gen aus Geheim­schutz­grün­den nicht mög­lich ist. Die lang­jäh­ri­ge Pra­xis in Ver­wal­tungs­ge­richts­ver­fah­ren zeigt jedoch, dass sol­chen Behör­den­zeug­nis­sen sei­tens der Ver­wal­tungs­ge­rich­te nur ein sehr beding­tes Maß an Trag­fä­hig­keit zuge­bil­ligt wird.

Vor­nehm­lich soll­ten sich Ver­bots­grün­de daher aus öffent­li­chen Quel­len (Pro­gram­me, Ver­laut­ba­run­gen u. a.) der jewei­li­gen Ver­ei­ni­gung erge­ben. Nichts stärkt Extre­mis­ten – gleich wel­cher Cou­leur – mehr als ein vor Gericht geschei­ter­tes Ver­bots­ver­fah­ren. Das durch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf­ge­ho­be­ne Ver­bot gegen das Compact‑Magazin (BVerwG 2025) mahnt zur Bedacht­sam­keit hin­sicht­lich öffent­li­cher For­de­run­gen nach Ver­bots­ver­fah­ren.

Die Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­te des Bun­des und der Län­der sind bered­te Bele­ge für die Ver­fas­sungs­feind­lich­keit der Mus­lim­bru­der­schaft und ihrer Zie­le. Dass es sich bei der MB um eine klan­des­tin vor­ge­hen­de Ver­ei­ni­gung han­delt, ist eben­falls offen­kun­dig (BfV 2024, S. 245). Ent­spre­chend dürf­te auf den Ein­satz nach­rich­ten­dienst­li­cher Mit­tel kaum zu ver­zich­ten sein. Ob die – im oben genann­ten Sin­ne offe­ne – Erkennt­nis­la­ge für einen Ver­bots­an­trag hin­rei­chen wür­de, obliegt der Beur­tei­lung der für ein Ver­bot zustän­di­gen Insti­tu­tio­nen.

Wirk­sam­keit eines Ver­bots und mög­li­che Fol­gen

Nach Anga­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern wur­den nach Inkraft­tre­ten des Ver­einsG ins­ge­samt 55 Ver­bo­te gegen Ver­ei­ne aller Phä­no­men­be­rei­che aus­ge­spro­chen (BMI 2025). Die­se Zahl zeigt, dass das Instru­ment gezielt, aber auch zurück­hal­tend genutzt wird. Die jewei­li­ge Wirk­sam­keit ist unter­schied­lich zu beur­tei­len. Ver­bo­te neo­na­zis­ti­scher Ver­ei­ni­gun­gen in den 1980er und 1990er Jah­ren zwan­gen die Sze­ne zu neu­en Kon­zep­ten, u. a. zum »füh­rer­lo­sen Wider­stand«. Auch auf die Grün­dung soge­nann­ter »frei­er Kame­rad­schaf­ten« reagier­ten die Ver­bots­be­hör­den. Wei­te­re Ver­bo­te behin­der­ten erfolg­reich die Ver­net­zung neo­na­zis­ti­scher Grup­pie­run­gen (Klar­mann 2017). Dies ist als Erfolg zu bewer­ten.

Auch das im Juli 2024 durch das BMI aus­ge­spro­che­ne Ver­bot gegen das isla­mis­ti­sche »Isla­mi­sche Zen­trum Ham­burg« (IZH) ist als Erfolg zu bewer­ten; so wur­de dem Außen­pos­ten des Tehe­ra­ner Regimes sei­ne Wirk­sam­keit ent­zo­gen. Das IZH hat aller­dings gegen das Ver­bot vor dem BVerwG geklagt; das Ver­bot ist somit noch nicht rechts­kräf­tig (BMI 2024).

Ein Betä­ti­gungs­ver­bot gegen die kur­di­sche »Arbei­ter­par­tei« (PKK) im Jahr 1993 ver­lief hin­ge­gen weni­ger wir­kungs­voll. Sie setz­te ihre Akti­vi­tä­ten trotz des Ver­bots in Deutsch­land wei­ter­hin fort (LfV Ham­burg 2024, S. 52 ff.).

Orga­ni­sa­tio­nen kann man ver­bie­ten, Ein­stel­lun­gen und Gedan­ken aber nicht. Ver­eins­ver­bo­te erge­ben dann Sinn, wenn die Orga­ni­sa­ti­on dadurch wirk­sam und nach­hal­tig in ihrem Tun behin­dert oder sogar zer­schla­gen wird. Zugleich müs­sen nega­ti­ve Fol­gen eines Ver­bots bedacht wer­den. Ins­be­son­de­re isla­mis­ti­sche Ver­ei­ni­gun­gen ver­su­chen, eine gegen sie gerich­te­te staat­li­che Repres­si­on in eine gegen alle Mus­li­me gerich­te­te Maß­nah­me umzu­deu­ten. Als Bei­spiel mag die mit Betä­ti­gungs­ver­bot beleg­te Hizb ut‑Tahrir (HuT) gel­ten (BfV 2024, S. 225 ff.). Sie und ihr nahe­ste­hen­de Glie­de­run­gen haben mit die­ser Stra­te­gie – ins­be­son­de­re in den sozia­len Medi­en – Erfolg.

Hand­lungs­op­tio­nen

Im Zusam­men­hang mit dem Ver­bots­ver­fah­ren gegen die »Natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands« (NPD) sprach das BVerfG hin­sicht­lich der Ver­bots­op­ti­on von einem »zwei­schnei­di­gen Schwert« (BVerfG 2017, Rn. 568). Die­ser Gedan­ke der Zwei­schnei­dig­keit erscheint auch auf Ver­eins­ver­bo­te über­trag­bar. Sie könn­ten pro­pa­gan­dis­tisch miss­braucht und als Beleg gedeu­tet wer­den, in Deutsch­land wür­den Grund­rech­te für bestimm­te »miss­lie­bi­ge« Mei­nun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen nicht gel­ten. Auf die Cau­sa Compact‑Magazin wur­de bereits an ande­rer Stel­le hin­ge­wie­sen.

Nach eige­nen Erfah­rungs­wer­ten des Autors ist der bes­te Schutz der Ver­fas­sung eine auf­ge­klär­te Zivil­ge­sell­schaft und ein ruhi­ges, dann aber kon­se­quen­tes Han­deln des poli­ti­schen Raums. Es gilt ins­be­son­de­re hin­sicht­lich isla­mis­ti­scher Grup­pie­run­gen deut­lich zu machen, dass sich deren Aus­gren­zung nur gegen Isla­mis­ten rich­tet, nicht aber gegen Mus­li­me all­ge­mein.

Isla­mis­ten ver­su­chen Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker, die sich kri­tisch zu isla­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen ver­hal­ten, mit dem Kampf­be­griff des »anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus« unter Druck zu set­zen. Den Isla­mis­ten ist bewusst, wie gera­de in Deutsch­land der Vor­wurf des Ras­sis­mus hem­mend und ein­schüch­ternd wir­ken kann. Nie­mand im demo­kra­ti­schen poli­ti­schen Raum möch­te sich dem Vor­wurf aus­ge­setzt sehen, anti­mus­li­misch oder frem­den­feind­lich zu sein.

Alter­na­ti­ven zu Ver­bo­ten sind dem­nach Auf­klä­rung und Dif­fe­ren­zie­rung. Isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen spie­len sich oft als Sprach­rohr und Ver­tre­ter aller in Deutsch­land leben­den Mus­li­me auf. Das sind sie nicht: Sie sind eine lau­te, aber klei­ne Min­der­heit. Des­halb soll­te nach Auf­fas­sung des Autors auf eine – wenn­gleich unge­woll­te – poli­ti­sche Auf­wer­tung die­ser Orga­ni­sa­tio­nen durch Gesprächs­kon­tak­te der Poli­tik oder Ein­la­dun­gen, etwa zu For­ma­ten der Deut­schen Islam­kon­fe­renz (DIK), kon­se­quent ver­zich­tet wer­den. Extre­mis­ten soll­te man kein Forum bie­ten, son­dern sie iso­lie­ren. Statt­des­sen müs­sen Orga­ni­sa­tio­nen der mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ty gestärkt wer­den, die dem Isla­mis­mus ableh­nend gegen­über­ste­hen.

Dar­über hin­aus soll­te dar­auf geach­tet wer­den, dass öffent­li­che Gel­der nicht Extre­mis­ten zuge­wen­det wer­den. Der Ent­zug finan­zi­el­ler Res­sour­cen kann eben­falls ein wirk­sa­mer Bei­trag zur Bekämp­fung des poli­ti­schen Extre­mis­mus sein. Auch der Ent­zug der Gemein­nüt­zig­keit hat sich wie­der­holt als wir­kungs­vol­les Instru­ment erwie­sen. Die Abga­ben­ord­nung (AO) bie­tet hier­zu ein geeig­ne­tes Instru­men­ta­ri­um.

Quel­len- und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

  • Breu­er, Rita, »Die Mus­lim­bru­der­schaft in Deutsch­land«, in: Dos­sier Isla­mis­mus, Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung (bpb), Bonn, 22.01.2019, LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (BfV), »Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2024«, Ber­lin, 10.06.2025, LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (BfV), »Ver­fas­sung schüt­zen« (Rubrik: Auf­trag und Arbeits­wei­se), Ber­lin, o. D., https://www.verfassungsschutz.de (Zugriff am 28.08.2025).
  • Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und für Hei­mat (BMI), »Isla­mi­sches Zen­trum Ham­burg e. V. (IZH) mit sei­nen bun­des­wei­ten Teil­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­bo­ten«, Pres­se­mit­tei­lung, Ber­lin, 24.07.2024, LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und für Hei­mat (BMI), »Ver­eins­ver­bo­te«, Ber­lin, o. D., LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG), Beschluss des Ers­ten Senats vom 4. Novem­ber 2009 – 1 BvR 2150/08 (»Wun­sie­del-Ent­schei­dung«), Karls­ru­he, 04.11.2009, LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG), Urteil des Zwei­ten Senats vom 17. Janu­ar 2017 – 2 BvB 1/13 (»NPD-Ver­bots­ver­fah­ren«), Karls­ru­he, 17.01.2017, LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (BVerwG), »Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hebt COM­PACT-Ver­bot auf«, Pres­se­mit­tei­lung Nr. 48/2025, Leip­zig, 24.06.2025, LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Deut­scher Bun­des­tag, Wis­sen­schaft­li­che Diens­te, »Vor­aus­set­zun­gen eines Ver­eins­ver­bots«, Sach­stand, WD 3–3000–150/21, Ber­lin, 10.09.2021, LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Deut­scher Bun­des­tag (2019), Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge der FDP-Frak­ti­on »Aus­maß aus­län­di­scher Ein­fluss­nah­me auf Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, reli­giö­se Ver­ei­ne und sons­ti­ge reli­giö­se Orga­ni­sa­tio­nen«, Druck­sa­che 19/9415 vom 15.04.2019, S. 11, LINK(Zugriff am 28.08.2025)
  • Gusy, Chris­toph, »Die zwei­fa­che ›Dik­ta­tur‹ des Reichs­prä­si­den­ten: Dik­ta­tur nach der Ver­fas­sung oder gegen die Ver­fas­sung?«, in: Der Staat 58 (2019) 4, S. 507–533, https://doi.org/10.3790/staa.58.4.507 (Zugriff am 28.08.2025).
  • Klar­mann, Micha­el, »Kame­rad­schaf­ten als Stra­te­gie­ele­ment«, Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, Bonn, 04.08.2017, LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz Baden-Würt­tem­berg (LfV BW), »Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2024«, Stutt­gart, 26.06.2025, LINK (Zugriff am 29.08.2025).
  • Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz Baden-Würt­tem­berg (LfV BW), »Arbeits­fel­der: Mus­lim­bru­der­schaft«, Stutt­gart, o. D., LINK (Zugriff am 28.08.2025).
  • Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz Ham­burg (LfV HH), »Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2024«, Ham­burg, 23.06.2025, LINK (Zugriff am 28.08.2025).

Vor­trag von Hart­mut Licht am 12. Sep­tem­ber 2025 im Wil­ly-Brandt-Haus in Ber­lin auf der Ver­an­stal­tung »Die Mus­lim­bru­der­schaft (MB) – Agen­da, Struk­tu­ren und poli­ti­sche Ant­wor­ten«

Vor­trag auf You­Tube