Zehn Jah­re »Poli­ti­scher Islam und Demo­kra­tie – Kon­flikt­fel­der« von Chris­ti­ne Schirr­ma­cher

Auch ein Jahrzehnt nach seinem Erscheinen ist das Werk für Politik, Verwaltung, Medien sowie integrations- und sicherheitspolitische Debatten relevant.

Vor zehn Jah­ren ver­öf­fent­lich­te die Islam­wis­sen­schaft­le­rin Chris­ti­ne Schirr­ma­cher ihr Buch »Poli­ti­scher Islam und Demo­kra­tie – Kon­flikt­fel­der«. Der Band ist als Down­load frei zugäng­lich (PDF, 340 Sei­ten). Er ist in elf Kapi­tel und drei Tei­le geglie­dert:

Teil I: Islam in Deutsch­land

Der ers­te Teil des Buches stellt die Grund­la­gen dar: das Ver­hält­nis von Islam und Isla­mis­mus, die Prä­senz und Viel­falt mus­li­mi­schen Lebens in Deutsch­land sowie die Fra­ge, wie isla­mis­ti­sche Strö­mun­gen ent­stan­den sind und wel­che Akteu­re sie prä­gen. Schirr­ma­cher beschreibt hier­bei nicht nur his­to­ri­sche Ent­wick­lun­gen, son­dern beleuch­tet auch Kon­flikt­fel­der wie Reli­gi­ons­frei­heit und Frau­en­rech­te, die bis heu­te zu den poli­tisch sen­si­bels­ten The­men gehö­ren. Dar­über hin­aus ent­hält die­ser Teil eine aus­führ­li­che Aus­wer­tung empi­ri­scher Stu­di­en zu Ein­stel­lun­gen von Mus­li­min­nen und Mus­li­men in Deutsch­land, etwa zu Demo­kra­tie, Rechts­staat­lich­keit und Gewalt­ak­zep­tanz. Schirr­ma­cher zeigt, wel­che Fak­to­ren Inte­gra­ti­on erleich­tern oder erschwe­ren kön­nen, und the­ma­ti­siert den gesell­schaft­li­chen Umgang mit reli­giö­sen Kon­ver­sio­nen sowie die Rol­le von Kon­ver­ti­ten in Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zes­sen. Die Fra­ge, ob und wie reli­giö­se Iden­ti­tät mit moder­nen Lebens­wei­sen in Euro­pa ver­ein­bar ist, zieht sich als Leit­mo­tiv durch die­sen Teil.

Teil II: Islam und Rechts­staat­lich­keit

Der zwei­te Teil wid­met sich den struk­tu­rel­len Schnitt­stel­len und Span­nungs­fel­dern zwi­schen Poli­ti­schem Islam und demo­kra­ti­scher Ord­nung. Schirr­ma­cher dis­ku­tiert Grund­ele­men­te der Demo­kra­tie im Ver­gleich zu poli­ti­schen Kon­zep­ten inner­halb der isla­mi­schen Theo­lo­gie und beschreibt, wie isla­mis­ti­sche Bewe­gun­gen den Anspruch einer »idea­len isla­mi­schen Ord­nung« for­mu­lie­ren. Einen Schwer­punkt bil­det die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Scha­ria­recht, sowohl in sei­ner klas­si­schen Form als auch in moder­nen Inter­pre­ta­tio­nen. Schirr­ma­cher erläu­tert Begrif­fe und Quel­len, zeigt unter­schied­li­che Aus­le­gungs­tra­di­tio­nen auf und fragt, inwie­fern Scha­ria-Nor­men in Euro­pa prak­tisch oder sym­bo­lisch zur Gel­tung kom­men. Wei­te­re The­men sind Zwangs­ehen, infor­mel­le Frie­dens­rich­ter­struk­tu­ren und Ehren­mor­de. Die Autorin ver­knüpft his­to­ri­sche und aktu­el­le Bei­spie­le, beschreibt recht­li­che sowie kul­tu­rel­le Hin­ter­grün­de und arbei­tet her­aus, wie die­se Phä­no­me­ne aus einer men­schen­recht­li­chen und rechts­staat­li­chen Per­spek­ti­ve zu beur­tei­len sind. Der Fokus liegt dabei auf der Fra­ge, wie demo­kra­ti­sche Gesell­schaf­ten auf par­al­lel­ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren und Gewalt­for­men reagie­ren soll­ten, ohne reli­giö­se Gemein­schaf­ten pau­schal zu ver­däch­ti­gen.

Teil III: Islam und Frei­heits­rech­te

Im drit­ten Teil behan­delt Schirr­ma­cher die inter­na­tio­na­le und nor­ma­ti­ve Ebe­ne der Dis­kus­si­on: die Debat­ten um die Moham­mad-Kari­ka­tu­ren und das Atten­tat auf die Redak­ti­on der Sati­re­zeit­schrift Char­lie Heb­do, die Fra­ge reli­gi­ös moti­vier­ter Gewalt, das Ver­hält­nis zwi­schen isla­mi­schen und uni­ver­sel­len Men­schen­rechts­kon­zep­ten sowie die Rol­le der Reli­gi­ons­frei­heit. Sie ana­ly­siert unter­schied­li­che isla­mi­sche Men­schen­rechts­er­klä­run­gen, ihre theo­lo­gi­schen Grund­la­gen und die Span­nun­gen, die zwi­schen reli­giö­sen Nor­men und inter­na­tio­nal eta­blier­ten Men­schen­rechts­stan­dards ent­ste­hen kön­nen. Beson­de­re Auf­merk­sam­keit wid­met sie der Apo­sta­sie­fra­ge – also den recht­li­chen und gesell­schaft­li­chen Fol­gen des Abfalls vom Islam in ver­schie­de­nen Län­dern. Dazu gehö­ren die Blas­phe­mie­ge­set­ze in Paki­stan eben­so wie moder­ne Debat­ten über das Recht auf Reli­gi­ons­wech­sel. Der Abschnitt macht deut­lich, wie stark poli­ti­sche und reli­giö­se Iden­ti­tät in vie­len isla­misch gepräg­ten Gesell­schaf­ten mit­ein­an­der ver­wo­ben sind und wel­che Her­aus­for­de­run­gen sich dar­aus für inter­na­tio­na­le Poli­tik und Diplo­ma­tie erge­ben.

Kurz­be­wer­tung

Das Buch ent­stand als Samm­lung zuvor ver­öf­fent­lich­ter Auf­sät­ze und Essays, über­zeugt jedoch durch eine klar erkenn­ba­re Sys­te­ma­tik und einen roten Faden, der die Tex­te zu einem kon­sis­ten­ten Gesamt­bild ver­bin­det. Die Dar­stel­lung ist all­ge­mein­ver­ständ­lich und zugleich wis­sen­schaft­lich prä­zi­se, eine Kom­bi­na­ti­on, die sie auch zehn Jah­re nach dem Erschei­nen ins­be­son­de­re für Adres­sa­ten in Poli­tik, Ver­wal­tung und Medi­en wei­ter­hin wert­voll macht.

Chris­ti­ne Schirr­ma­cher ist Pro­fes­so­rin für Islam­wis­sen­schaft an den Uni­ver­si­tä­ten Bonn und Leu­ven und wis­sen­schaft­li­che Lei­te­rin des evan­ge­li­schen Insti­tuts für Islam­fra­gen (IfI). Sie wur­de im Novem­ber 2025 vom Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um (BMI) in den »Bera­ter­kreis Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on und Isla­mis­mus­be­kämp­fung« beru­fen und ist Mit­glied im Zen­trums­rat des Cen­ter for Advan­ced Secu­ri­ty, Stra­te­gic and Inte­gra­ti­on Stu­dies (CASSIS). Zu ihren wei­te­ren Funk­tio­nen gehö­ren Tätig­kei­ten im Bei­rat des ent­ste­hen­den Zen­trums für Ana­ly­se und For­schung (ZAF) beim Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (BfV), im Kura­to­ri­um des Deut­schen Insti­tuts für Men­schen­rech­te (bis 2024), im Unab­hän­gi­gen Exper­ten­kreis Mus­lim­feind­lich­keit (2020–2023) sowie im wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat des Bun­des Deut­scher Kri­mi­nal­be­am­ter.


Chris­ti­ne Schirr­ma­cher: Poli­ti­scher Islam und Demo­kra­tie. Kon­flikt­fel­der. Häns­s­ler Ver­lag, Holz­ger­lin­gen 2015. ISBN 978–3‑7751–7295‑0