Am 10. Juni 2026 fand im Plenarsaal des Regionalrats der Île-de-France in Saint-Ouen-sur-Seine die zweite Auflage des internationalen Kolloquiums »Les islamismes en Europe« statt. Organisiert wurde die ganztägige Konferenz von Florence Bergeaud-Blackler, Gründerin und Präsidentin des veranstaltenden CERIF (Centre européen de recherche et d’information sur le frérisme). Als Netzwerkpartner wirkten das Program on Extremism der George Washington University, die Dokumentationsstelle Politischer Islam (Wien), das European Institute for Counter Terrorism and Conflict Prevention (EICTP) und der Arbeitskreis Politischer Islam (AK Polis) an der Tagung mit. Zehn Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Österreich, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und den USA stellten in vier Panels den Stand der Forschung zu islamistischen Bewegungen in Europa vor – von ihren Organisationsformen und Netzwerken bis hin zu der Frage, wie liberale Demokratien darauf antworten können.
Bergeaud-Blackler eröffnete die Tagung mit den Thesen ihres jüngsten Buches zum Halal-Markt »Le djihad par le marché« (Odile Jacob, 2025), das an ihre Netzwerkstudie »Kalifat nach Plan: Frérismus und seine Netzwerke in Europa« (Schiler & Mücke, 2025) anschließt. Dessen Reichweite geht längst weit über Lebensmittel hinaus: Nach islamischen Normen zertifiziert und vermarktet werden inzwischen auch Wasser, Kosmetik, Kleidung und Finanzprodukte. Bergeaud-Blackler deutet diese Expansion als Dschihad über den Markt: Die Ökonomie ist zu einem strategischen Terrain des zeitgenössischen islamischen Fundamentalismus geworden, auf dem sich die Normsetzungsmacht fundamentalistischer Zertifizierungsakteure mit den Organisationsstrategien der Muslimbruderschaft verbindet. Jede neue Produktkategorie dehnt den Geltungsanspruch religiöser Normen auf einen weiteren Lebensbereich aus. Der Markt wird so zum Vehikel ideologischer Expansion in Europa.
Wer sind die Muslimbrüder – und wie agieren sie?
Das erste Panel widmete sich dem Akteur, der im Mittelpunkt der Tagung stand: der Muslimbruderschaft in Europa. Sergio Altuna (George Washington University) warnte davor, die oft beschriebene Fragmentierung der Bruderschaft vorschnell als Niedergang zu lesen. Seine Kartografie zeigt europäische Strukturen, die zwischen den transnationalen Gravitationszentren London, Istanbul und Katar zugleich miteinander konkurrieren und voneinander abhängen. Sie teilen Diskursrahmen und Netzwerkverbindungen und werben dabei um je eigene Formen von Legitimität. Für Forschung und Behörden folgt daraus die Notwendigkeit einer netzwerkbasierten Betrachtung, die über die einzelne Organisation hinausblickt.
Aus Wien brachte die Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) zwei Beiträge ein. Ihr stellvertretender Direktor Ferdinand Haberl beschrieb, wie die Muslimbruderschaft ihren Einfluss in Europa vor allem über legalistische Organisationsformen ausübt, etwa über zivilgesellschaftliche Vereine und über Bildungsarbeit; offene Konfrontation spielt dabei kaum eine Rolle. Weil dieser legalistische Islamismus von Ambiguität und geringer Sichtbarkeit profitiert, setzt die Arbeit der Dokumentationsstelle genau hier an: Sie analysiert Ideologien und Netzwerke und bereitet die Ergebnisse für die pädagogische Praxis ebenso auf wie für Medien und politische Entscheidungsträger. Diese Form der Wissensvermittlung stellte Haberl als demokratische Gegenstrategie vor, die islamistische Einflussnahme sichtbar macht und die Resilienz der Gesellschaft stärkt.
DPI-Wissenschaftskoordinator Alexander Weissenburger untersuchte die vor allem im deutschsprachigen Raum aktive salafistische Missionsorganisation »IMAN«. Sein Befund: Salafistische Akteure und das Milieu der Muslimbruderschaft teilen in Europa zentrale Narrative; zwischen beiden Spektren bestehen zudem persönliche Verbindungen, und auch die gesellschaftspolitischen Ziele ähneln sich. Wo das gemeinsame Fernziel einer stärker islamisierten Gesellschaft im Vordergrund steht, können unterschiedliche islamistische Strömungen daher punktuell zusammenarbeiten – historische Trennlinien und ideologische Differenzen treten dann zurück.
Gustav E. Gustenau (EICTP, Wien) plädierte dafür, die Muslimbruderschaft mit den Instrumenten der strategischen Analyse zu betrachten. Aus dieser Perspektive erscheint sie als kohärenter Akteur mit langfristigen Zielen, der hybrid und anpassungsfähig vorgeht: Er zielt auf die schrittweise Transformation von Gesellschaften und richtet seine Handlungsformen an den Gelegenheiten und Beschränkungen des jeweiligen nationalen Kontexts aus. Gegenstrategien, so Gustenau, müssen an dieser Gesamtlogik ansetzen, wenn sie mehr erreichen wollen als Symptombekämpfung. Ausführlich entfaltet ist diese Analyse in dem Band »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft«, den Gustenau gemeinsam mit Heiko Heinisch und Nina Scholz Anfang 2026 bei Nomos vorgelegt hat. Eine ausführliche Besprechung des Buches ist auf ak-polis.de erschienen.
In dieser Risikomatrix aus österreichischer Perspektive sitzt »Islamist Subversion / Unterwanderung« mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit unter den zentralen Risiken der nächsten 3 Jahre – auf einer Ebene mit Cyberangriffen, hybriden Einflüssen und der Russland-EU-Konfrontation.… pic.twitter.com/O5vB5Lu5x5
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) June 10, 2026
Koopmans: Wie groß ist der Resonanzraum?
Den empirischen Kern der Tagung bildete der Vortrag von Ruud Koopmans (WZB Berlin / Humboldt-Universität und Mitgründer des AK Polis), einem der meistzitierten europäischen Migrations- und Integrationsforscher. Koopmans präsentierte eine Synthese der verfügbaren Umfragedaten zur Verbreitung fundamentalistischer Einstellungen unter Muslimen in mehreren europäischen Ländern, wo möglich im Vergleich mit den Herkunftsländern. Für Deutschland stützte er sich unter anderem auf den MOTRA-Report »Menschen in Deutschland«: Danach zeigten 2025 rund 40 Prozent der Muslime in Deutschland manifest (10,0 Prozent) oder latent (30,0 Prozent) islamismusaffine Einstellungen. Bei den 18- bis 39-Jährigen lag der Anteil mit 45,1 Prozent über dem Durchschnitt aller Befragten. Die verbreitete Erwartung, dass sich solche Einstellungen mit dem Generationenwechsel abschwächen, fänden in den Daten keine Stütze.
Für Koopmans folgt daraus, dass Integration kein Selbstläufer ist: Aufenthaltsdauer und Generationenfolge allein moderieren religiös-politische Einstellungen offenbar kaum. Zugleich machen die Daten sichtbar, auf welchen Resonanzraum legalistische islamistische Organisationen in Europa treffen – und wie stark islamistische Akteure in Europa wie in der islamischen Welt die Einstellungen der Diaspora weiterhin prägen. Koopmans unterlegte damit mit Zahlen, was die übrigen Panels an Akteuren und Strategien beschrieben.
Ruud Koopmans spricht über die Ergebnisse des MOTRA-Monitors auf der @CERIFrerisme-Tagung in Paris am 10. Juni 2026:
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40 % der Muslime in Deutschland zeigen manifeste oder latente islamismusaffine Einstellungen – bei den 18- bis 39-Jährigen sind es 45 %. Die jüngere Generation… pic.twitter.com/dZFvjBNxN2
Antworten der Demokratien – und der Fall Islamic Relief
Wie unterschiedlich Demokratien reagieren, zeigte das dritte Panel im transatlantischen Vergleich. Lorenzo Vidino (George Washington University) analysierte die jüngsten US-Maßnahmen: Die Trump-Administration hat vier Zweige der Muslimbruderschaft designiert, die Bundesstaaten Texas und Florida darüber hinaus die Organisation insgesamt sowie das Council on American-Islamic Relations (CAIR), dessen Verbindungen zur Bruderschaft und zur Hamas dokumentiert sind. Sir John Jenkins (Policy Exchange), Hauptautor des britischen Regierungsberichts zur Muslimbruderschaft von 2014, rekonstruierte die Genese der im März 2026 veröffentlichten britischen Definition von »anti-muslimischem Hass« und warnte vor den Folgen, die diese Definition absehbar für die Meinungsfreiheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Vereinigten Königreich haben wird.
Tommaso Virgili (AJC Transatlantic Institute / WZB Berlin) nahm die Europäische Union in den Blick: Bruderschaftsnahe Netzwerke nutzen EU-Fördermittel und institutionellen Zugang, um ihre Agenda voranzutreiben – flankiert von der Rhetorik der »Islamophobie«, die Kritiker delegitimiert und Prüfer davon abhält, ideologische Inhalte überhaupt zu kontrollieren.⁴ Als Fallbeispiel diente das Netzwerk von Islamic Relief. Die gesamte internationale Führung von Islamic Relief Worldwide musste nach dokumentierten antisemitischen Äußerungen zurücktreten, und die EU erklärt, die direkte Förderung der Organisation eingestellt zu haben. Dennoch fließen weiterhin EU-Mittel an nationale Ableger des Netzwerks, etwa aus dem Erasmus+-Programm.
#Muslimbruderschaft
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»Wie das EU-System ausgenutzt wird
Schritt 1⃣: Antragstellung (»Der Sprach-Check«). Organisationen verwenden progressive Schlagwörter (Inklusion, Vielfalt, Intersektionalität), um bürokratische Formularprüfungen mühelos zu bestehen.
Schritt 2⃣: Legitimierung… pic.twitter.com/uineHebIfD
Die Mechanismen, die Virgili für Brüssel beschrieb, sind aus der deutschen Förderpraxis gegenüber Islamic Relief Deutschland bekannt: Mittel werden vergeben, ohne dass die ideologische Ausrichtung des Empfängers geprüft würde, und jede staatliche Förderung verschafft der Organisation zusätzliche Glaubwürdigkeit für die nächste. Diese Befunde wurden vom AK Polis dokumentiert und im Juni in Berlin öffentlich zur Diskussion gestellt. Der Pariser Austausch zeigt, dass Deutschland es dabei mit einem europaweiten Strukturproblem im Umgang mit legalistischem Islamismus zu tun hat.
Über den Fall Islamic Relief spricht Tommaso Virgili, AJC Transatlantic Institute, auf @CERIFrerisme-Tagung in Paris.
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) June 10, 2026
Deutsche Übersetzung
Fallstudie: Der humanitäre Deckmantel (Islamic Relief)
40.026.424 € – EU-Förderung insgesamt
⚠ Der bürokratische Stempel: Behält den… pic.twitter.com/JqU11O711h
Die Abschlussrunde mit Florence Bergeaud-Blackler, Andreas Jacobs (Konrad-Adenauer-Stiftung) und dem Regionalrat Pierre Liscia bündelte die Ergebnisse des Tages und weitete den Blick auf den Zusammenhang von Islamismus und Antisemitismus.
Die Vorträge der Tagung sind in dieser Playlist auf YouTube abrufbar: